Schwester Andrea *1959

Der Futterneid ist im Osten größer

Andrea Seidel arbeitete über ein Vierteljahrhundert in Nordrhein-Westfalen. 2015 kehrte die examinierte Sprechstundenschwester in ihre ostdeutsche Heimat zurück. Um berufliche Akzeptanz musste sie zweimal jahrelang ringen – nach der Ausreise in den Westen und nach der Rückkehr in den Osten.

Andrea Seidel ist 14 Jahre jung, als ein Orthopäde ihren beruflichen Weg ebnet. Bei ihm ist sie in Behandlung und er empfiehlt ihr einen Beruf, in dem sie laufen, gehen und sitzen soll. Gut ausgebildete Schwestern sind ambulant wie stationär begehrt. „Man suchte überall Leute. Ich hätte Verkäuferin werden können oder im Schweinestall arbeiten, aber das war nichts für mich“, erinnert sich die gebürtige Magdeburgerin. „Ich habe gerne mit Menschen zu tun, es war für mich mit 14 Jahren klar, dass ich Sprechstundenschwester werde.“

Beleg im SV-Ausweis

Von 1976 bis 1979 besucht Andrea Seidel die Medizinische Fachschule an der Poliklinik Magdeburg-Mitte am Wallonerberg. Dem Fachschulzeugnis (Abschlussnote „Gut“) zufolge liegen ihr die Grundlagenfächer Kulturtheorie/Ästhetik, Ökonomik des Gesundheits- und Sozialwesens und Medizinische Statistik besonders. Auch in Allgemeine Krankheitslehre, Arzneimittellehre, Infektionslehre, HNO-Augen- und Hautkrankheiten werden ihre Leistungen mit „sehr gut“ bewertet. Ein Satz einer Lehrerin klingt ihr bis heute in den Ohren: „Wehrt euch, als Hilfen oder Helferin bezeichnet zu werden, ihr seid Schwestern!“

Ausschnitt des Fachschulzeugnisses von 1979.

Mit Kommilitoninnen. stehend rechts: Andrea Seidel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der Poliklinik bis zur Ausreise

Die Berufserlaubnis als Sprechstundenschwester erhält Andrea Seidel am 1. September 1979. Nach der Geburt der Tochter wird sie in Halle (Saale) in der Wochenkrippe eingestellt – als Krippenerzieherin, ebenfalls ein medizinischer Fachschulberuf. Ihr Mann, ein gebürtiger Hallenser, hatte noch zwei Jahre Studium in Magdeburg zu absolvieren. Als die Familie wieder vereint in der Saale-Stadt ist, arbeitet Andrea Seidel in der allgemeinärztlichen Abteilung der Poliklinik Süd. Die erste Poliklinik der Stadt Halle hieß später Ambulatorium Diesterwegstraße bzw. war Teil des Stadtkrankenhauses Bergmannstrost. Andrea Seidel qualifizierte sich im Transfusionswesen und fuhr teilweise als Blutentnahmeschwester in Hallenser Betriebe. In der allgemeinmedizinischen Außenstelle des Stadtkrankenhauses in der Liebenauer Straße war sie bis zu ihrer Ausreise aus der DDR am 6. Februar 1990 tätig. „Obwohl die Mauer bereits gefallen war, behandelte man uns wie alle Ausreisewilligen, die bis November 1989 nach Westdeutschland wollten“, erinnert sie sich.

Sprechstundenschwester – Helferin – Mädchen

Trassenläuferin in Wuppertal (2009)

Schon im März 1990 arbeitete Schwester Andrea in Wuppertal. „Von nun an war ich Arzthelferin in einer hausärztlichen Praxis und Frau Seidel“, sagt sie lapidar. Eine Zeitlang wurde sie sogar „Mädchen“ gerufen. Mit 31 Jahren. „Ich musste beweisen, dass ich auch was kann. Mir begegneten viele Vorurteile. Ich musste mich doppelt anstrengen.“ Ungefähr zwei Jahre dauerte es, bis sie akzeptiert wurde. Dreieinhalb Jahre arbeitete sie in einer Neurologischen Praxis, danach in einer internistischen. Meistens in kleinen Teams. „Man kann sich nicht ausweichen“, sagt sie, „entweder es passt oder es passt nicht.“ Einen Lehrgang als Arzthelferin bot ihr niemand an, er wurde angesichts ihres Studienabschlusses nicht für nötig gehalten. Die Gleichstellung am Studienort Magdeburg zu beantragen, hätte ihr nichts genützt. Andrea Seidel nennt sich selbst eine Idealistin. Sie spricht viel mit Patienten und identifiziert sich mit ihrer Arbeit. Unter anderem gründete sie eine Nordic Walking-Gruppe, „weil Bewegung gegen Diabetes hilft und damit Ältere nicht so alleine sind.“ Die Patientengruppe nennt sich „die Trassenläufer“. Zu einigen der Läufer*innen hält Andrea Seidel immer noch Kontakt.

Blühende Landschaften und Futterneid im Osten

Vor fünf Jahren, 2015, zog die Familie aus Nordrhein-Westfalen nach Leipzig. „Mit offenen Armen wurde ich nicht empfangen“, blickt die 60-Jährige zurück. Plötzlich war sie nicht mehr Schwester Andrea, sondern „die Schwester“. „Unfairness habe ich eher im Osten kennengelernt. Die Angst um den Arbeitsplatz und der Futterneid sind hier größer.“ Aber man müsse im Team miteinander sprechen und mit allen Macken zurechtkommen, damit der Ambulanzbetrieb laufe. In ihrer jetzigen Hausarzt-Praxis ist sie zufrieden. „Für meine Chefin würde ich bis 70 arbeiten“, lacht sie. Und doch sind ihre Tage bis zum selbst gewählten Ruhestand gezählt: Ende des Jahres 2020 hängt Andrea Seidel ihren Schwesternkittel nach über 40 Jahren im ost- und westdeutschen Gesundheitswesen an den Nagel. Sie möchte mit ihrem Mann, einem pensionierten Ingenieur, reisen, fotografieren und noch vieles entdecken. Ohne ihn, sagt sie, hätte sie ihren Job nicht ein Leben lang ausüben können.

Schwester Andrea fotografiert gern in der Natur.

Beim Blick auf ihre zu erwartende Rente wird sie ernst. Rund 900 Euro monatlich kündigt der Bescheid an. „Ich habe die letzten Jahre nur 30 Stunden gearbeitet“, sagt sie. „Die meisten Ärzte stellen nur in Teilzeit ein.“ Und obwohl sie ihre Arbeit liebt, rät sie jungen Frauen, andere berufliche Wege zu gehen. „Es fehlt diesem Beruf klar die Anerkennung, ob es nun Sprechstundenschwester oder Medizinische Fachangestellte heißt.“ Mangelnde gewerkschaftliche Vertretung, finanzielle Bedingungen und fehlende Qualifizierungs- und Aufstiegsmöglichkeiten nennt sie als Hauptgründe.

Andrea Seidel (Jahrgang 1959) ist seit 1979 examnierte Sprechstundenschwester

 

Den Umzug zurück in den Osten bereut sie trotz aller Anfangsschwierigkeiten nicht. „Hier ist jeder Tag spannend, ich sehe so viele tolle Sachen. Blühende Landschaften sind eigentlich hier entstanden“, gibt sie mit Blick auf verödete Gegenden in Westdeutschland zu bedenken. Miteinander sprechen, sich über Lebenshintergründe auszutauschen, um sich besser zu verstehen, findet sie wichtig.

Was aus ihren Kommilitoninnen von einst geworden ist, interessiert Andrea Seidel sehr. Vor allem Sylvia Asche aus Wolmirstedt, auf dem Foto oben links stehend, möchte sie gern wiederfinden. Vielleicht meldet sie sich?

 

 

 

veröffentlicht im September 2020

Fotos: Dagmar Möbius außer Kommilitoninnen, Trassenläuferin und Natur – privat Andrea Seidel