Schwester Angelika *1950

Unterschiede gab es nicht

Ein anderer Beruf als Krankenschwester kam für Angelika Schulz nie in Frage. Dafür zog sie sogar ins Internat. 1968 begann die 1950 im Altmarkkreis (heute Sachsen-Anhalt) Geborene ihre praktische Ausbildung im Krankenhaus Havelberg. Die Theorie lernte sie bis 1971 in der Medizinischen Fachschule in Tangermünde. Nach dem Examen arbeitete sie ein Jahr lang auf einer chirurgischen Station und wechselte dann in ihren neuen Wohnort nach Wittenberge (heute Brandenburg).

Das Nähmaschinenwerk Wittenberge 1978.

 

Ihr neuer Wirkungskreis war die Betriebspoliklinik des VEB Nähmaschinenwerk Wittenberge. Die damals modernste Nähmaschinenfabrik der Welt war sehr erfolgreich im Export und zählte mehr als 3.000 Beschäftigte. Das Ambulatorium hatte sieben Sprechstunden. Zwei Ärzte, zwei Zahnärzte und sieben Schwestern stellten die medizinische Versorgung der Werktätigen, sogar im Spätdienst bis 22 Uhr, sicher. Außerdem gab es ein Labor, eine Bäderabteilung und einen Masseur.

Schwester Angelika war mit ihren Kolleginnen für spezielle Vorsorgeuntersuchungen, regelmäßige Betriebsbegehungen, Entnahme von Essensproben, Hygiene und Prävention zuständig. Zudem verabreichte sie verordnete Medikamente, gab Spritzen, legte Verbände an und führte EKG’s, Hörtests oder Ohrspülungen durch. Nicht zu vergessen die Desinfektion und Sterilisation der damals gebräuchlichen Glasspritzen und anderer medizinischer Utensilien.

In der Betriebspoliklinik-Sprechstunde von Dr. Mertens (†) zählt Schwester Angelika Schmerztropfen ab. (1987)

 

„Natürlich waren wir auch für Notfälle im Werk zuständig“, erzählt die heute 68-Jährige. Anfang der 1980er Jahre hatte sie zusätzlich eine neun Monate lange berufsbegleitende Ausbildung zur Betriebsschwester an der Bezirksakademie des Gesundheits- und Sozialwesens Schwerin absolviert und mit dem Prädikat „Gut“ abgeschlossen. “Die Vorsorge hatte ich am liebsten“, berichtet Schwester Angelika. „Auch im Team haben wir viel unternommen und Gemeinsames für die Kinder veranstaltet.“

Das undatierte Foto zeigt eine Impression einer Kollektivbesprechung. S. Angelika sitzt vorn rechts.

 

Nach dem im Oktober 1991 durch die Treuhandanstalt verkündeten Liquidationsbeschluss wegen „Nichtsanierungsfähigkeit“ lief kurz vor Weihnachten 1991 die letzte Haushaltsnähmaschine vom Band des Nähmaschinenwerkes Wittenberge. Die verbliebenen 800 Beschäftigten verloren ihre Arbeit. Auch Schwester Angelika musste sich nach über 20 Jahren als Betriebsschwester beruflich neu orientieren. „Die Betriebspoliklinik wurde schon 1990 wegrationalisiert“, erinnert sie sich.

Das Sozialgebäude des Nähmaschinenwerkes Wittenberge 2008.

 

Für anderthalb Jahre arbeite sie zunächst im Betreuten Wohnen, bevor sie ihrem Mann 1995 nach Niedersachsen folgte, der der Arbeit wegen dorthin gezogen war. Bis zum Eintritt in den Ruhestand im April 2018 arbeitete sie auf einer chirurgischen Station im Krankenhaus in der Lüneburger Heide. „Körperlich war das sehr schwer, aber das Team fehlt mir“, sagt sie. Mit zwei ehemaligen Kolleginnen aus Wittenberge trifft sie sich noch heute regelmäßig. „In Poliklinik-Zeiten war Schwester gleich Schwester, sofern sie ein Examen hatte. Das war gar kein Thema.“

Die einst modernste Nähmaschinenfabrik der Welt in Wittenberge wurde von der Treuhandanstalt liquidiert.

 

Unterschiede im Umgang spürte sie weder in Ost, noch in West. „Ich wurde überall herzlich aufgenommen und habe mich überall wohl gefühlt.“ Hätte sie einen Abschluss als Sprechstundenschwester, wäre der fast nahtlose berufliche Übergang so nicht möglich gewesen. Nachvollziehen kann sie das nicht.

„Auch wir Krankenschwestern mussten nach der Wende Neues lernen und umdenken. Namen, Bezeichnungen und Wirkstoffe von Arzneimitteln beispielsweise“, erzählt sie. Stünde sie heute vor der Berufswahl, würde sie wieder Krankenschwester lernen. „Es hat mir immer Spaß gemacht.“

 

Fotos:

Schwarz-Weiß-Aufnahmen: privat

Farbfotos: Veritasklub