erinnert

Sprechstundenschwester – typisch ostdeutsch ist ein nichtkommerzielles Internetportal im Blogcharakter, das sich aufgrund meiner langjährigen Recherche über nichtanerkannte DDR-Berufsabschlüsse – inklusive unfreiwilliger Selbsterfahrung – als unabhängiges Informations-, Dokumentations- und Austauschforum versteht.

Es geht zu einem Zeitpunkt online, zu dem es weder vollendet noch thematisch durchgeplant ist. Es wird und darf sich mit Hilfe von Leserinnen und Lesern entwickeln. Der Termin, Anfang Mai 2019, kurz vor dem Internationalen Tag der Pflege im 30. Jahr nach der Deutschen Wiedervereinigung, ist  bewusst gewählt.

Zum Selbstverständnis:

Dieses Internetangebot beschönigt weder DDR-Verhältnisse, noch möchte es menschenverachtende Zustände zurück. Drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall hinterfragt es Versäumnisse der Nachwendezeit. Dabei geht es um Identität, Respekt für Lebensleistungen und historische Gegebenheiten, die Ostdeutsche sich nicht fremd deuten lassen sollten. Ich distanziere mich ausdrücklich von ewiggestrigem und nichtdemokratischem Gedankengut.

Am Beispiel der examinierten Sprechstundenschwestern habe ich versucht zu ergründen, warum ein offensichtlicher politischer Fehler bis heute nicht bereinigt ist und wie er sich im praktischen Leben der betroffenen Frauen (und Männer?) auswirkt. Da deren konkrete Zahl von mir bisher nicht zu ermitteln war, musste ich mir öfter die Relevanzfrage meiner Recherche stellen lassen.

Ich – übrigens selbst eine der ehemals jüngsten Absolventinnen des Studiums „Sprechstundenassistenz“ – bin überzeugt davon, dass es für jede einzelne Berufskollegin mit DDR-Biografie sehr relevant ist, ob sie die gleichen im Grundgesetz verankerten Möglichkeiten hatte, ob sie sich beruflich neu orientiert hat, was heute auf ihrem Rentenbescheid steht und ob es gerecht ist, dass Schwestern trotz jahrzehntelangem Dienst am Menschen in Altersarmut leben. Abgesehen davon, dass die Debatte über den „Pflegenotstand“ für diese Frauen zynisch ist.

Grundgesetz, Artikel 3

Ich wünsche mir, dass es endlich zu einer politischen Lösung kommt, die alle Studienabschlüsse der examinierten Sprechstundenschwestern den examinierten Krankenschwestern verbindlich und bundeseinheitlich gleichstellt. So wie es der Deutsche Bundestag bei der abschließenden Beratung der Petition 486 am 2. Juli 2009 beschlossen hat. Ohne Wenn und Aber. Und ob jemand noch im Beruf arbeitet oder nicht.

Das Problem:

Sprechstundenschwestern haben ein inhaltlich zu 90 Prozent identisches Studium wie Krankenschwestern (heute Gesundheits- und Krankenpfleger/-in) an einer medizinischen Fachschule abgeschlossen. Nicht wenige absolvierten ihre praktische Ausbildung trotz ihrer Ambulanz-Spezialisierung größtenteils in Kliniken.

Der Einigungsvertrag hat die Berufsgruppe „vergessen“, weil es sie in Westdeutschland nicht gab bzw. weil es sich dort meist um eine angelernte Tätigkeit handelte. Damit wurden examinierte Sprechstundenschwestern quasi über Nacht zu Hilfskräften degradiert.

An den Landesärztekammern in den Neuen Bundesländern gab es deshalb in den 1990er-Jahren die Möglichkeit, den formalen Abschluss als Arzthelferin berufsbegleitend „nachzuholen“. Viele Berufskolleginnen, die das (wie ich) getan haben, merkten sehr schnell, dass die Ausbildung auf einem deutlich niedrigeren Level angesiedelt war als das medizinische Fachschulstudium. Zudem konnte den Berufsabschluss auch anerkennen lassen, wer als ungelernte Kraft Berufserfahrungen gesammelt hatte.

An Kliniken und/oder im stationären Bereich zu arbeiten, war Sprechstundenschwestern nur noch in vereinzelten Fällen möglich und wenn, zu deutlich schlechteren Konditionen als Krankenschwestern. Von bestimmten Fachqualifizierungen waren sie ausgeschlossen und auch die Aufnahme eines weiterführenden Studiums war – ohne Abitur – nicht möglich. Bis heute.

KritikerInnen (auch PolitikerInnen) entgegneten, meist ohne jegliche Kenntnis der Sachlage und oft auch ohne echtes Interesse, man müsse sich eben weiterentwickeln und außerdem sollen die Ossis dankbar sein für alles, was ihnen die Deutsche Einheit gebracht habe …

Plädoyer für ostdeutsches Selbstbewusstsein:

Bei meiner Recherche sind mir viele Menschen anderer Berufssparten begegnet, die Ähnliches berichten. Ob in der DDR ausgebildete Audiologie-Phoniatrie-Assistent/in, Hygieneinspektor/in, Arbeitshygieneinspektor/in, Stomatologische Schwester/Pfleger oder Sprechstundenschwester/-pfleger oder auch Therapeuten mit speziellen Fachweiterbildungen, (Krippen-)Erzieher, Pädagogen – sehr viele haben sich nach der Wende erneut auf die Schulbank gesetzt, nicht selten mehrfach, jahrelang und auf eigene Kosten. Anerkannt und/oder mit bundesdeutschen Abschlüssen gleichgestellt wurden sie dennoch nicht.

Was das psychologisch und für den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt bedeutet, wurde nach aktuellem Kenntnisstand wissenschaftlich noch nicht ernstzunehmend untersucht.

Nebeneffekt der Recherchen:

Drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall ist vieles, was mit dem ostdeutschen Gesundheitswesen verbunden ist, vergessen. Polikliniken wurden geschlossen und/oder abgerissen, Teams wurden auseinandergerissen, an einstigen Medizinischen Fachschulen erinnert wenig oder nichts an frühere Studiengänge. Selbst Archivmitarbeiter hören manche Sachverhalte zum ersten Mal.

Ich finde das schade. Deshalb habe ich Geschichten gesucht und gefunden, die ich hier nach und nach veröffentlichen werde. Ich lade alle Leserinnen und Leser sehr herzlich ein, sich aktiv einzubringen. Erinnerungen und Meinungsbeiträge sind willkommen.

Ich danke allen Personen herzlich, die mich in den letzten Jahren bei meiner Freizeit-Recherche unterstützt haben und dies immer noch tun. Ohne diese engagierten und leidenschaftlichen Menschen wäre diese Seite unmöglich. Besonders danke ich der Sächsischen Staatsministerin für Gleichstellung und Integration, Petra Köpping, für ihre Empathie und ihre persönlichen Worte. Diese waren entscheidend dafür, dem Anliegen der DDR-Sprechstundenschwestern (stellvertretend) die nötige Öffentlichkeit und im Idealfall späte Gerechtigkeit zu verschaffen.

Dagmar Möbius

Foto: ©Bundesarchiv, Bild 183-1986-1209-014 / CC-BY-SA 3.0 (ADN-ZB Ritter)

Berlin. Mitte April 1986 eröffnete das Haus Prenzlauer Allee 90 als neuerbaute Poliklinik „Dr. Karl Kollwitz“. Im ersten Jahr suchten mehr als 35.000 behandlungsbedürftige Bürger in den 16 Fachabteilungen bei den 53 Ärzten Rat und Hilfe.