Exotisch und degradiert

„Sie sind also Arzthelferin?“ „Nein, ich bin examinierte Sprechstundenschwester.“ „Wie bitte? Kenn‘ ich nicht.“

Wer in der DDR das medizinische Fachschulstudium in der Fachrichtung „Sprechstundenassistenz“ absolvierte, kennt solche Fragespiele und hat sie seit 1989 unzählige Male beantworten müssen. Nach drei Jahren Direktstudium oder dreieinhalb Jahren berufsbegleitendem Fernstudium durfte die Berufsbezeichnung getragen werden.

Die theoretischen und praktischen Ausbildungsinhalte waren zu etwa 90 Prozent mit denen der Krankenschwestern identisch. Allerdings wurden Sprechstundenschwestern als Spezialistinnen für die ambulante Versorgung ausgebildet, nicht wenige sogar in Kliniken.

Konkret: sie können Blut abnehmen, Spritzen, Verbände anlegen, Medikamente verbreichen und sie beherrschen Maßnahmen der Grundkrankenpflege. In der Ausbildung war unter anderem ein mindestens halbjähriger operativer Teil zu absolvieren.

Sprechstundenschwestern konnten sich beispielsweise zur Gemeindeschwester, zur OP-Schwester und zur leitenden Schwester qualifizieren.

Mit dem Fall der Mauer, genauer mit dem Einigungsvertrag von 1990, wurden sie zu Hilfskräften degradiert. Auch wenn in späteren Jahren der Fakt des Vergessens dementiert wurde: im Einigungsvertrag kamen Sprechstundenschwestern nicht vor. Warum? Weil es das Berufsbild im Westen nicht gab.

Man stelle sich vor, Krankenschwestern würden quasi über Nacht zu Pflegehelferinnen herabgestuft. Unmöglich? Examinierten Sprechstundenschwestern ist genau das passiert. Ob sie eine zusätzliche Ausbildung als Arzthelferin absolvierten oder nicht – sie waren nun Arzthelferinnen, ein in West und Ost ungeschützter Berufsbegriff. Schlecht(er) bis prekär bezahlt, ihrer Aufstiegschancen beraubt und aufgrund geringen Einkommens oft zu Altersarmut verdonnert. Auf jeden Fall aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert. Bis heute.

Foto: ©Archiv Ärztehaus Dresden-Blasewitz

Eröffnung der Poliklinik Dresden-Blasewitz 1976.

 

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