Mit Skalpell und Stethoskop im Marcolini Palais

 

Dieses Buch fand ich zufällig. Oder fand es mich? In der Flut belangloser Arztromane hätte ich es beinahe übersehen. Beim größten Versandhändler belegt das vor einem knappen Jahr publizierte Buch aktuell Rang 7.662 in der Kategorie Biografische Romane. Das sollte an Regional- und Medizingeschichte Interessierte auf keinen Fall abschrecken. Denn eine Biografie im klassischen Sinn ist es nicht.

Das geschichtsträchtige, vor knapp 300 Jahren errichtete Marcolini Palais steht in Dresden. Einst Gartenpalais, gehört das Palais Brühl-Marcolini seit 1849 zum Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt. So steht es bei Wikipedia. Was dort und auch an anderen Stellen nicht zu erfahren ist: Im Marcolini Palais war über viele Jahrzehnte eine Poliklinik beheimatet. Zahlreiche Fachrichtungen arbeiteten zu DDR-Zeiten unter einem Dach in dem barocken Bau. Sprechstundenschwester erhielt 1981 in der dortigen HNO-Abteilung übrigens ihre Stimmprüfung für das beabsichtigte Krippenpädagogik-Studium, kann sich bis auf lange Gänge und große, schwere Türen an Details aber leider kaum erinnern.

Umso schöner, dass ein Dresdner Arzt, der 22 Jahre in dem historischen Gebäude praktizierte, viele Erinnerungen nun in einen fiktiven Roman einfließen ließ. Man muss nicht Einheimische*r sein, um an zahlreichen Stellen zu schmunzeln und sich bei einem „Ja, so war’s“ zu ertappen.

Marcolini Palais – Ansicht von der Friedrichstraße

Von Samaritern, neuen Freiheiten und Kommerz

Das Buch gliedert sich in drei Zeitabschnitte. Bis Seite 184 wird die DDR-Epoche ab 1987 und der Betrieb der Poliklinik von vielen Seiten beleuchtet: fachlich, persönlich, familiär und politisch, wobei etwa zwei Drittel auf die Vorwendezeit und das Jahr 1989 entfallen. Teil II setzt auf Seite 185 mit der Wiedervereinigung 1990 an und schildert bis Seite 406 die tiefgreifenden Veränderungen des ostdeutschen Gesundheitswesens und der in ihm arbeitenden Menschen. Das erste Kapitel von Teil III ab Seite 407 ist mit „Eine kritische Zeit beginnt“ überschrieben. Das sagt schon einiges. Der Untertitel des Buches „Von Samaritern, neuen Freiheiten und Kommerz“ steht exemplarisch für die drei Zeitabschnitte bis 2009. Das ist das Jahr, in dem der schreibende Gastroenterologe, Jahrgang 1941, in den Ruhestand ging.

Marcolini Palais – Haupteingang

Dauerdefekte

Der Autor beschönigt nichts. So schildert er die Kämpfe um den Erhalt der Gebäudesubstanz, Mangelzustände, aber auch Improvisationsvermögen und optimistischen Frohsinn der Praxisteams. Man kannte sich und die familiären Umstände. Man half sich, wenn es nötig war, auch privat. Fehlendes Personal? Keine Erfindung der Neuzeit. Auch in der DDR konnten Schwestern- und Ärztestellen nicht immer sofort besetzt werden, vor allem nicht adäquat. Die Ausreise- und Übersiedlungswellen taten das Übrige. Engpässe betrafen auch das Material. Die Apotheke verteilte wöchentlich die „Defekte-Liste“. Diese enthielt nicht lieferbare Medikamente oder elastische Binden. Gut, dass der Autor auch detailliert an die Organisation der zu leistenden Notdienste erinnert.

"Die Schwestern waren es gewöhnt und zeigten sich sehr flexibel. Standen zum Beispiel diese Woche keine Zwei-Milliliter-Spritzen zur Verfügung, so nahm man halt eine Fünf-Millimeter-Spritze und füllte diese bis zur knappen Hälfte."

Marcolini Palais – Ansicht vom Patientengarten

Neuzeit und beginnende Brüche

Überhaupt die Funktionäre … Unwürdige Verhandlungen um Zulassungen, die teils juristisch erkämpft werden mussten, ständige Gesetzesänderungen inklusive Budgetierungen und andere Bürokratiemonster belasteten Praxisteams neben ihrer eigentlichen Arbeit. Im Rückblick fragt man sich, wie Ärzte und Schwestern diese Zeit überstanden haben, ohne krank zu werden. Das kann leider nicht von allen gesagt werden. Auch im Marcolini Palais musste sich Gesundheitspersonal mit teils schweren Erkrankungen auseinandersetzen. Wie im wahren Leben eben.

Das Ärztehaus bröckelt

Mit den Jahren ändern sich Menschen und Umstände. Wer jahrelang gut und gern miteinander kooperierte, entpuppt sich plötzlich als gegnerischer Kontrahent. Die gewohnte Kontinuität ist vorbei. Das Ärztehaus mitten im Klinikum verändert sich und wird ein Medizinisches Versorgungszentrum. Mediziner*innen kämpfen ums Überleben, andere bauen Häuser und verwirklichen individuelle Träume. Das für Laien nicht zu durchschauende Vergütungssystem wird ausführlich erläutert. In einem Roman erwartet man das nicht unbedingt und tatsächlich liest es sich etwas sperrig, genauso wie einige ausschweifende Schilderungen zeitgeschichtlicher regionaler Ereignisse. Alles in allem ist das Buch jedoch ein wichtiges Zeitzeugnis mit Insiderblick. Und mit Herz für Sprechstundenschwestern und sonstiges Fachpersonal.

PS: In dem Haus mit der Postadresse Friedrichstraße 41, 01067 Dresden, wird heute noch praktiziert, auch im benachbarten sanierten Ärztehaus Friedrichstraße 39.

Krankenhausgebäude – Blick von der Friedrichstraße

 

Peter Kästner, Mit Skalpell und Stethoskop im Marcolini Palais. Von Samaritern, neuen Freiheiten und Kommerz. Hille Verlag, ET: 23. September 2021, 513 Seiten, Taschenbuch, ISBN 978-3-947654-19-2

vorgestellt im Juli 2022

Fotos: Dagmar Möbius (August 2022)