„Ausbildung um Welten besser“

Die digitalen Erzählsalons zu 30 Jahre Deutsche Einheit laufen noch. Hat man sie live verpasst, sind sie bei YouTube abrufbar. Toll, wie viele interessante Menschen mit spannenden Biografien sich vor die Kamera trauen. Begeistert bin ich über die bisherige Resonanz. Hast du das gesehen? Was meinst du dazu? Wie war das eigentlich wirklich? Stimmt es, dass …?

So erfuhr ich auch von Eva Nienhoff, Jahrgang 1965, geboren in Kiel, gelernte Krankenschwester, heute in Mecklenburg lebend. Was sie sagt, sollten politische Entscheidungsträger ernst nehmen: „Die Ausbildung an den medizinischen Fachschulen der DDR war um Welten besser als die Ausbildung im Westen! Die Schwestern durften viel mehr und sie konnten fachlich viel mehr.“ Sie findet es ungerecht, dass sich die Verdienste in West und Ost noch heute um Hunderte Euro unterscheiden – für die gleiche Arbeit. (Screenshot Erzählsalon “Arbeit”)

Auf einige Fragen zur Ausbildung möchte ich näher eingehen, zumal mich dazu mehrere Fragen erreichten. Bei YouTube kommentierte eine Zuschauerin nach dem Erzählsalon Arbeit beispielsweise, dass die Geschichte der Sprechstundenschwestern „vergleichbar [ist] auch mit der besser anerkannten Krankenschwesternausbildung, die in der DDR zum Teil bis 4 Jahre dauerte als volles Fachschulstudium nicht anerkannt wurde“.

Das ist so nicht ganz richtig. Nur Diplom-Krankenschwestern und -pfleger (Führungskräfte mit mehreren Jahren Berufserfahrung) studierten vier Jahre im Fernstudium auf Hochschulniveau.

Für diese und in der DDR ausgebildete Krankenschwestern und Kinderkrankenschwestern änderte sich bezüglich ihrer Berufsanerkennung nach der Wende gar nichts. Sie studierten drei Jahre im Direktstudium an Medizinischen Fachschulen (im Fernstudium 3,5 Jahre). Sie können nach wie vor problemlos in Ost- oder Westdeutschland arbeiten, ambulant oder stationär. Mehr noch: sie konnten 25 Jahre Hausfrau /-mann sein und nahtlos wieder beruflich einsteigen.

Examinierte Sprechstundenschwestern nicht. Es gibt sie offiziell nicht mehr, wie auch Blicke in Berufskataloge, Studienzulassungsvorschriften etc. beweisen. Noch arbeitende Sprechstundenschwestern mussten sich erst Arzthelferin (darf man auch ungelernt sein) nennen, und später Medizinische Fachangestellte. Das wird flächendeckend als „Degradierung per Gesetz“ empfunden.

Das medizinische Fachschulstudium der Fachrichtung „Sprechstundenassistenz“ umfasste allein 2.904 Stunden Lehre und Praktika im Direktstudium, im Fernstudium 1.512 Stunden. Bei Krankenschwestern und -pflegern waren es übrigens je 2.797 Stunden im Direktstudium.

Wer sich das zum Bachelor führende neue Berufsbild „Physician Assistant“ anschaut, wird über die fachlichen Parallelen staunen.

Schauen wir in die Stundentafeln der DDR-Studienpläne (Auszüge, Direktstudium 1974):

Gesamtstunden pro Fachrichtung

Lehrgebiet Sprechstundenassistenz Krankenpflege Krippenpädagogik
Gesundheitsschutz

80

80

80

Ökonomie des Gesundheitswesens

70

70

70

Medizinische Mikrobiologie

30

30

30

Anatomie/Physiologie/ Biochemie

120

120

120

Grundlagen der Medizintechnik

70

70

Pädagogik/Psychologie/ Soziologie

90

90

Allgemeine Krankheitslehre

40

40

20

Ernährungslehre

40

40

40

Arzneimittellehre

40

40

20

Informationsverarbeitung/ Medizinische Statistik

30

30

30

Medizinischer Schutz der Bevölkerung

30

30

30

Innere Medizin / Neurologie/Psychiatrie

130

Innere Medizin

110

Neuropsychiatrie

50

Infektionslehre

30

40

Chirurgie/Orthopädie

50

130

Gynäkologie/Geburtshilfe

30

70

Pädiatrie

20

HNO/Augenheilkunde/ Hautkrankheiten

45

HNO- und Augenkrankheiten

35

Dermatologie/Venerologie

30

Maschineschreiben

160

Pädagogik (für Kinder von 0-3 Jahre)

200

Bewegungserziehung

40

Musikerziehung

80

Geschichte der Pädagogik (Kleinkindererziehung)

35

Psychologie

160

Pädiatrie

100

Sprecherziehung

50

Theoretische Lehrveranstaltungen in der Praxis

278

385

385

Theoretische Lehrveranstaltungen gesamt

1.685

1.685

1.685

Praktikum

2.904

2.797

2.797

(Quelle: BArch)

 

Foto: Dagmar Möbius

Lehrbücher der medizinischen Fachschulausbildung der DDR, Auswahl der Fachrichtung “Sprechstundenassistenz”

 

 

 

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2 Kommentare zu “„Ausbildung um Welten besser“”
  1. Die Gesamtstundenzahl in der Ausbildung von insgesamt 2904 Std.einer Sprechstundenschwester incl. der gleichen Lehrgebiete sprechen doch für sich. Und trotzdem entsprechen sie qualitativ immer noch nicht der Ausbildung eines Krankenpflegers mit 2797 Std. bzw. -helfers, welche ich hiermit nicht abwerten möchte von insgesamt 1600 Stunden seitens des Bundesgesundheitsministeriums.Sondern die berufliche Einstufung erfolgt weiter als ungelernt.Wann erfolgt endlich eine Anerkennung nach 30 Jahren für diese Fachschulausbildung !!!

    • Liebe Kommentatorin, danke für den wichtigen Beitrag! Wann die (nicht nur verbale) Anerkennung erfolgt, vermag ich auch nicht zu sagen. Von allein wird das nicht geschehen, noch ist die Ignoranz von vielen Verantwortlichen zu groß. Aber je mehr Leute von diesem und ähnlichen Problemen erfahren, umso besser. Also weitersagen! Ich trage hier auf der Seite dazu bei, weitere Fakten zu veröffentlichen. Betroffene dürfen hier auch gern ihren Arbeitsalltag und ihre kleinen Kämpfe schildern. PN willkommen.

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