Lütten Klein

Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft

Dieses Buch hat ein Professor für Makrosoziologie geschrieben. Aber: es liest sich bis auf einzelne Passagen flüssig und wirklich spannend. Für den Spagat zwischen Forschung und verständlicher Sprache wird man den 1968 in Rostock geborenen und in Lütten Klein aufgewachsenen Wissenschaftler in Akademikerkreisen vielleicht belächeln, der Befangenheit und/oder der Einseitigkeit beschuldigen. Er weiß das und hat das Werk bewusst so veröffentlicht. Authentisch und „mit Stallgeruch“. Nur so war es ihm möglich, Zugang zu manchen Interviewpartnern zu bekommen. Eine Erfahrung, die viele über Ostdeutschland Recherchierende machen.

Steffen Mau hat sein Buch in zwei Teile gegliedert: Teil I befasst sich mit dem Leben in der DDR, Teil II widmet sich den Transformationen. Vorangestellt eine Warnung: Der Autor liefert keine Lobrede auf die Einheitserfolge, sondern richtet „das Beobachtungsradar auf die Dilemmata, Unwuchten und Widersprüche“.

Sätze wie die folgenden wecken Lust zum Weiterlesen: „Die Auseinandersetzung mit der ostdeutschen Transformation ist nur auf den ersten Blick eine Einladung zur innerdeutschen Nabelschau. Man könnte meinen, im Zeitalter globaler Turbulenzen, europäischer Krisen, transnationaler Migrationsströme und digitaler Transformationen sei der Vorgarten deutsch-deutscher Probleme doch recht klein. […] Andererseits ist das Thema Ostdeutschland auch ein offenes Deutungsfeld, das den lange Zeit triumphierenden Geist des Westens herausfordert.“

Oder auch: „Ostdeutschland ist hierbei keine Randnotiz, sondern möglicherweise ein Verdichtungsraum für auch andernorts zu beobachtende Verwerfungen. Eine frakturierte Gesellschaft ist anfälliger für Stimmungen, die aus dem Gefühl des Zu-kurz-Kommens entspringen, aus der Entwertung des eigenen Lebensmodells, aus kulturellen Irritationen, ökonomischer Prekarisierung und den Zumutungen zunehmender Flexibilisierung. Ostdeutschland ist ein Laboratorium dieser übergreifenden Prozesse, weil sich hier auf besondere Weise beobachten lässt, wie das lebensweltliche Gepäck und mentale Tradierungen, ökonomische Entsicherung und politische Integrationsdefizite aufeinandertreffen.“

Wer in der DDR aufgewachsen ist, erkennt vieles wieder, auch dank historischer Fotos, und lernt doch dazu. In Westdeutschland und nach 1989 Geborene bekommen eine Ahnung davon, warum manches in Ostdeutschland anders ist und wohl noch einige Generationen bleiben wird. Dieser Part sei besonders denen empfohlen, die die Zeit nicht selbst erlebt haben.

Für Transformationszeitzeugen ist Teil II eine Fundgrube, auch sprachlich brillant. Steffen Mau findet klare Worte. Er schreibt vom „Prozess der kollektiven Unterordnung unter die Spielregeln der Bonner Politik“, „Entmündigung der Ostdeutschen“, „Übernahmemodus“ und „geraubter Revolution“. Doch sollte man die Unterkapitel komplett lesen anstatt Lieblingsstichwörter herauszupicken. Sonst wird man dem Gesamtwerk nicht gerecht.

Psychologisch interessant ist das Kapitel „Blaupause West“. Ein schöner, wenn auch schmerzhafter Beispielsatz: „In der Anwendung der Modernisierungstheorie auf die ehemalige DDR waren die Charaktermasken für Ost- und Westdeutsche klar verteilt. […] Ostdeutsche wurden als Mängelwesen angesehen und sozial pathologisiert.“ Allenfalls „Netzwerkkompetenz“ und „Chaosqualifikation“ brachten sie als „einzige positive Eigenschaften“ in die „westliche Moderne“ mit.

In diesem Kontext wird eine „ehemalige Zahnarzthelferin“ zitiert, die glaubte, „dass dieses Überhebliche einfach zur Marktwirtschaft gehört.“ Ob es sich dabei um eine Stomatologische Schwester (= Fachschulberuf analog Sprechstundenschwester) handelte, kann nur vermutet werden, denn ungelernte Kräfte in der Zahnarztpraxis waren eher unüblich. Die kleine fachliche Ungenauigkeit wäre aus Sicht dieses speziellen Projektes auch das einzige Manko, das man dem Medizinersohn Steffen Mau ankreiden könnte. Seine Mutter arbeitete als Ärztin in der Poliklinik „Salvador Allende“ in Lütten Klein, so erfahren es die Lesenden. Nach der Wende wurde sie mit über 50 Unternehmerin und niedergelassene Kassenärztin. Über ihr Praxispersonal erfahren wir leider nichts, doch diese uns interessierende Nischenfrage ist dem Autor keineswegs anzulasten.

Heute nicht mehr oft besprochen werden Zahlen wie diese: „Von den im Jahr 1989 Erwerbstätigen arbeiteten vier Jahre später gut zwei Drittel nicht mehr im ursprünglichen Beruf.“ „Vierzig Prozent aller Beschäftigten waren bis 1996 mindestens einmal arbeitslos.“ Eine Tatsache, die jede examinierte Sprechstundenschwester unterschreiben kann: „Unglaubliche drei Viertel der ostdeutschen Erwerbsbevölkerung wurden in den ersten Jahren nach der Wende in arbeitsmarktpolitische Maßnahmen gebracht, um ihre ‚Marktgängigkeit‘ zu erhöhen; nur etwa ein Viertel blieb im Betrieb beschäftigt. […] Die im Staatssozialismus erlernten Mentalitäten, Sozialtechniken, Hierarchiebegriffe und Loyalitäten sollten zugunsten adäquaterer Verhaltensweisen aufgegeben werden. Ohne übertrieben viel Fingerspitzengefühl führte die gesamtdeutsche Öffentlichkeit Diskurse des Ungenügens, wobei mahnende Stimmen immer wieder Respekt vor den Lebensleistungen der ehemaligen DDR-Bürger einforderten.“

Reparaturtipps für die frakturierte Gesellschaft präsentiert Steffen Mau nicht. Auch eine innerdeutsche Gesprächstherapie hält er nicht für den ultimativen Heilungsweg. Aber er hat mit diesem Buch eine wissenschaftlich fundierte und trotzdem lebensnahe Diskussion angestoßen, von der man hofft, dass politische Korrekturen dort angestoßen werden, wo sie möglich und sinnvoll sind.

 

Steffen Mau, Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft, Suhrkamp Verlag, ET 12. August 2019, 284 Seiten, ISBN: 978-3518428948

rezensiert im März 2020

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