Unerhörte Ostfrauen

Unerhörte Ostfrauen – Lebensspuren in zwei Systemen Unerhört. Unerhört? Unerhört! Gelegentlich spiele ich gern mit Worten. Nach der Lektüre dieses Taschenbuches bin ich unschlüssig, ob ich das für den Titel des vorliegenden Werkes auch getan hätte. Ich war neugierig darauf, wie Frauen ihr geteiltes Leben gemeistert haben – einen Teil verbrachten sie in der DDR, den anderen in der Bundesrepublik.

Ungehört. Das trifft eher zu. Denn: „Diese Biografien spiegeln Lebensrealität im Osten Deutschlands, sind aber zugleich ein Bündel weiblicher Kompetenzen, Alltagsbezügen und Visionen. Diese Frauen klagen nicht, sie gestalten, meistern ihren Alltag mit all den Anforderungen und Überlastungen. […]“, sagt einführend die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth.

Die Autorinnen, beide Jahrgang 1948, die eine promovierte Politologin, die andere promovierte Soziologin, haben nachgefragt, wie es heute 60- bis 80-jährigen Frauen ging und geht. Repräsentativ wollen die 37 veröffentlichten Lebensgeschichten nicht sein. Sie können es auch nicht, dazu waren die Berufswege zu unterschiedlich. Vorgegebene Fragen gab es nicht. Einzige Bedingung: die Interviewten sollten jeweils 20 Jahre in der DDR und 20 Jahre in der Bundesrepublik gearbeitet haben. Fünf Frauen lehnten die Publikation ihrer Geschichte vor Erscheinen des Buches aus unterschiedlichen Gründen ab.

Die Porträts beschränken sich auf den Vornamen, den Geburtsjahrgang und eine in Ost und West aufgeteilte berufliche Kurzvita. Wenig überraschend: nach der Wende übten die Frauen selten ihren vorherigen Beruf aus. Die älteste der Interviewten ist Jahrgang 1919, die jüngste im Buch Jahrgang 1962.

Für alle, die auf die Geschichte einer Sprechstundenschwester hoffen: im Buch taucht keine auf.

Einen Einblick ins sich transformierende Gesundheitswesen gibt es dennoch – dank Gynäkologin Ursula, Jahrgang 1935. Sie erzählt: „Mein Leben hat sich nach der Wende völlig geändert. Bis dahin war ich angestellt, kümmerte mich nur um alles Medizinische, um keine Organisation. Das erledigte das Ambulatorium, zum Beispiel wurde die Schwester von der Verwaltung eingestellt. […]“ Einen Einblick in das Leben als Arzttochter gibt beispielsweise Heike, Jahrgang 1961, Bauingenieurin.

In mehreren Kapiteln findet sich wieder, was viele „Ostfrauen“ nach 1990 erlebten. „Meine Abschlüsse wurden nicht anerkannt. Ich fing bei Null an, ganz unten, trotz Diplom“, berichtet beispielsweise Christine, Jahrgang 1957, Diplom-Ingenieurin. Auch Kerstin, Bibliothekarin, Jahrgang 1958, musste feststellen: „Wir, die diplomierten Bibliothekarinnen, hatten das Fachwissen, den Facharbeitern für Bibliothekswesen – dieses Berufsbild gab es gar nicht im Westen – fehlte das Hintergrundwissen.“

Anja, Jahrgang 1949, Kinderkrankenschwester, Krippenerzieherin, Medizinpädagogin ohne Abschluss und Diplom-Pädagogin arbeitete nach 1990 als Erzieherin, Kita-Leiterin, in einer privatärztlichen Praxis, in einem Teeladen und schließlich an der Rezeption eines Seniorenheimes.

Ilse, Jahrgang 1940, Oberstufenlehrerin und Gymnasiallehrerin, fragte sich, ob sie im neuen Staat überhaupt Lehrerin bleiben könne. Sie konstatiert: „Die Umbruchzeit war sowohl mit Kreativität als auch mit Verzweiflung verbunden. Daran, dass im Einigungsvertrag die Bildung überhaupt nicht explizit ausgeführt wurde, erinnern sich nur wenige. Alle Hoffnungen auf eigene Entwicklungen im Osten wurden zerstört. […]“ Sie und andere Frauen thematisieren folgendes Phänomen. Ilse sagt: „Es ist nicht dieser Zusammenhalt, aber es ist ein schneller Austausch und es gibt mehr Spontaneität. Es ist also sicherlich möglich, sogar wahrscheinlich, dass sich eine andere Form der Organisiertheit bildet.“

Wer die Geschichten aufmerksam liest, identifiziert auch prominente Frauen. Christa L., Jahrgang 1938, Rektorin einer Hochschule und stellvertretende Ministerpräsidentin der DDR ist zum Beispiel unschwer als Prof. Christa Luft zu erkennen. Mehrere Porträts arbeiten sich am Nachwende-Vorwurf des „Privilegiertseins“ ab. Hier wird jede/r Leser*in eigene Bewertungen treffen müssen. Interessant könnte die Frage sein, ob einige der Biografien so oder ähnlich für weibliche Angehörige der DDR-Geburtsjahrgänge 1962 bis 1971 möglich gewesen wären.

Das Buch dokumentiert persönliche Verletzungen und Grenzüberschreitungen, „Besatzermentalität“ und Gehässigkeit, aber auch spannende Lebensläufe, persönliches Wachstum, Stolz auf Erreichtes und Dankbarkeit.

Wertvoll ist der abschließende 25-seitige Diskurs mit Literaturhinweisen und ergänzendem Glossar. Er stellt klar, dass keine Superfrauen vorgestellt werden und setzt sich damit auseinander, wie ostdeutsche Frauen die gesamtdeutsche frauenpolitische Entwicklung beeinflussten. Historische Ereignisse und Statistiken belegen, dass die Gleichberechtigung in der DDR erreicht war, die soziale Gleichstellung jedoch nicht.

Die Antwort auf die Frage, wie Ostfrauen heute in der Bundesrepublik leben (Seite 272), schmerzt. Zitat: „In den Jahren nach der Wiedervereinigung traf es kompetente ostdeutsche Frauen besonders hart. Sie wurden arbeitslos, mussten z.T. unsinnige und entwürdigende Umschulungen mitmachen, beeinträchtigt waren sie als Mütter mit Folgen für die Arbeitsfindung durch fehlende Mobilität und Flexibilität. Besonders traf es Alleinerziehende und Mütter mit behinderten Kindern. Der Einsatz der Frauen erfolgte oft unterhalb ihrer Qualifikation mit entsprechenden Folgen für Bezahlung und Rente. Die Vernichtung der mehr als vier Millionen Dauerarbeitsplätze traf in der Mehrheit Frauen: ‚Etwa 64 Prozent aller Arbeitslosen im Osten waren 1992 Frauen.‘ (Schröter 2002, S. 6) Im Jahr 1998 arbeitete nur noch ein Drittel aller Erwerbstätigen im Osten in der gleichen Tätigkeit wie vor der Wende.“

Dennoch – und das machen die Autorinnen ganz klar: keine der interviewten Frauen wünscht sich die DDR zurück. Zuhören und von ihren Erfahrungen lernen, lohnt sich. Ein bemerkenswertes Zeitzeugnis, das ich (nicht nur) dem Ostbeauftragten der Bundesregierung empfehle.

Ellen Händler, Uta Mitsching-Viertel, Unerhörte Ostfrauen – Lebensspuren in zwei Systemen, ibidem-Sachbuch, ET 8. März 2019, 288 Seiten, ISBN-13: 978-3838212302

rezensiert im Dezember 2019