Eh ichs vergesse

Dieses Werk landete unbestellt in meinen Briefkasten. Ich hatte es nicht auf dem Schirm und vermutlich hätte ich es angesichts des noch abzuarbeitenden Buchstapels auch nicht geordert. Unterhaltungslektüre ist darin in der Minderzahl – ein straffes Zeitmanagement erfordert Konsequenz. Nicht, dass ich genug zu lachen hätte… Gerade jetzt. Und überhaupt. Aber wer hat das schon? Die Absenderin wusste das. Wie Recht sie hatte!

„Eh ichs vergesse“ kann man ein Buch nennen, wenn man wie Wolfgang Schaller 80 wird. Er schrieb schon Texte an der Dresdner Herkuleskeule, als ich eingeschult wurde. Die Kultstätte meiner Heimatstadt, in die ich in meinem Leben nur einmal hereinkam, weil die Karten so begehrt waren und immer noch sind, galt als das mutigste Kabarett der DDR. Ich gestehe: Was damals gespielt wurde, habe ich vergessen. Und ich bin noch lange nicht 80 … Ich weiß nur noch, dass es bissige Worte waren, bei denen ich mich fragte, ob die Akteure ihr ausgefeilt-komödiantisches Treiben heil überstehen. Kritik am Land musste gut verpackt werden. Doch es war mehr als das.

Eins stellt der „bekennende Linke“ gleich im ersten von drei Vorwörtern klar: ein Widerstandskämpfer war er nie. Er bekennt, was viele Menschen seiner und einige der nächsten Generation nachempfinden können: „Ich habe an einen besseren Sozialismus geglaubt. Seitdem weiß ich, wie schön für einen Atheisten Glaube sein kann.“ Und er verscheucht schon auf Seite 9 alle Illusionen: „[…] nun haben Sie mit diesem Buch meine gesammelte Sprachlosigkeit zwischen einem verlorenen Dreigroschenstaat in der Diktatur und einer verlorenen Geldanlage in der Freiheit gekauft.“ Ein Zurück gibt es da schon nicht mehr. Zwischen jeder Zeile, jedem Absatz lugt Satire hervor. In loser Folge und nicht chronologisch geordnet wechseln sich Texte aus 50 Jahren Kabarett und Kolumnen aus drei Jahrzehnten für die Sächsische Zeitung ab.

Das erste Mal laut lachen muss ich auf Seite 33: über die 1990 entstandene Geschichte vom „Klomann Richard“. Dank Wolfgang Stumph wurde sie einst auch dem Fernsehpublikum bekannt. Aus der Zeit gefallen? Von wegen! Hier spricht der Durchschnittsbürger aus dem Volk. Genial.

Dass das ganze Leben ein Politikum ist, vergessen wir manchmal. Wolfgang Schaller erinnert uns ohne erhobenen Zeigefinger daran. Er ist ein politischer Mensch, der mit Wortwitz und Schlagfertigkeit die Dinge auf den Punkt bringt. Das alles in einer Sprache, die nicht nur Intellektuelle verstehen. Kurze Sätze, klare Worte. Überraschende Rückblenden. Und ein wenig liebevolle Nachhilfe in Geschichte für Menschen mit DDR-Demenz, Nachgeborene und aufgeschlossene Zugezogene. Was „Die Freiheit des kleinen Mannes“, 2012 entstanden, mit der Gemeindeschwester zu tun hat, wird auf Seite 87 verraten. Das ist kein Widerspruch zum einige Kapitel vorher verewigten Bekenntnis „Ich möchte nicht länger Ossi sein“.

Sehr schön auch die 2019 geschriebene „Humorallergie“. Was Herrn Höcke, Frauen bei Nacht in Erfurt und Schallers Oma verbindet, muss man selbst lesen. Ich stelle fest: allergisch auf Heiterkeit bin ich glücklicherweise nicht – auch wenn das Buch keine Spaßenzyklopädie ist. Texte wie „Lied zur Lage der Nation“ (2018), „Die Freundlichkeit ist ausgebrochen“ (2002), „Einheit spaltet“ (1993) oder „Friedenslied“ (1985) sind ernst – und zeitlos aktuell.

„Eh ichs vergesse“ ist dank zahlreicher Fotos, Herkuleskeule-Plakaten, ergänzender Erinnerungen und Statements von Schallers Weggefährten eine vergnügliche Chronik, die man bei passender Gelegenheit gerne wieder aus dem Bücherregal nimmt, um zu rezitieren: „Der Schaller hat das so beschrieben …“ Empathisch. Klug. Provokant. Stolz. Unverwechselbar.

 

Wolfgang Schaller, Eh ichs vergesse – Satirische Zeitensprünge, Eulenspiegel Verlag, ET: 2020, 256 Seiten, ISBN 978-3-359-01179-8

rezensiert im Mai 2020

 

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