Viva Gemeindeschwestern!

Im neuen „Traumschüff“-Stück „Hinter den Fenstern“ droht der medizinische Versorgungsnotstand auf dem Land. Kein Zufall, dass die Uraufführung im brandenburgischen Zehdenick stattfand. Die Premiere am 6. Juli 2019 war eine besondere, nicht nur weil der Bundesbeauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderungen anwesend war.

Theater im Fluss – barrierefrei

 

Eine Schwester kommt im Stück von Autorin Nikola Schmidt gar nicht vor. Doch das erfahren die trotz Regen und ungemütlichen 15 Grad zahlreich am schwimmenden Freilufttheater erschienenen Gäste erst später. Die ursprünglich nach der Aufführung geplante Podiumsdiskussion wird aufgrund der Wetterlage vor- und ins Trockene verlegt. Motto: „Dorf sucht Arzt. Oder: Was, wenn die letzte Praxis schließt?“

Auf dem Podium: Jürgen Dusel, Gabriele Haubner, Astrid Wegner, Hildburg Pakusch und Prof. Markus Deckert.

 

In der Scheune reichen die Sitzgelegenheiten nicht aus. Die erste Frage an die Podiumsteilnehmenden ist daher als rhetorischer Einstieg zu werten: „Ist die medizinische Versorgung ein Thema?“ Natürlich! Da sind sich die städtische und der bundesweite Behindertenbeauftragte, die Selbsthilfe-Expertin, die Pflegefachfrau und der Mediziner einig. Im ländlichen Bereich mangelt es an Fachärzten. Patienten müssen weite Wege bewältigen, nur wenige Landärzte kommen ins Haus. Warum ist es heute eigentlich unattraktiv, Landarzt zu werden? „Es gilt, den Halbgott in Weiß zu überwinden“, sagt Professor Markus Deckert, Dekan der Medizinischen Fakultät der Medizinischen Hochschule Brandenburg. Traditionelle Modelle müssten abgelöst werden. Rund um die Uhr im Dienst zu sein, sei für moderne Landärzte nicht mehr praktikabel. Medizinische Versorgungszentren, in denen Lasten verteilt und größere Regionen versorgt werden können, sind nur ein Beispiel der Möglichkeiten. Und schon kommt „Schwester Agnes“ ins Spiel. Als qualifizierte medizinische Assistenz kann sie Ärzte entlasten – wenn ein Vertrauensverhältnis mit den Patienten besteht. Im Land Brandenburg wird das Projekt „AGNES2“ seit Jahren umgesetzt. Flächendeckend ist es (noch) nicht.

Die Veranstaltung war komplett barrierefrei.

 

Können digitale Anwendungen die Probleme lösen? „Apps haben Potenzial“, sagt Jürgen Dusel, „aber wir werden weiterhin Menschen brauchen.“ Der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, selbst stark sehbehindert, weist auf deren besondere Bedürfnisse hin: „Barrierefreiheit ist nicht nur die Rampe für Rollstuhlfahrer, auch Seh- und Hörbeeinträchtigte müssen Zugang zu digitalen Angeboten haben. Sie ist deshalb für alle, nicht nur für ältere, Menschen gut.“ Und: „Menschen mit Behinderungen sind die Avantgarde der älteren Gesellschaft.“ 13 Millionen Personen leben in Deutschland mit einer oder mehr Behinderungen, nur vier Prozent sind angeboren. Deshalb gehe Inklusion nicht nur die Schule an, sondern die gesamte Bevölkerung.

Der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, Jürgen Dusel (Mitte), mit der Theatercrew.

 

„Hinter den Fenstern“ ist auch deshalb keine normale Uraufführung. „Die Theatercrew, die Hindernisse überwindet“ – so die aktuelle Kurzvorstellung – musste in der letzten Woche nicht nur ihre schwimmende Bühne mit einem Schwerlasttransport auf dem Landweg zum Liegeplatz an der Zehdenicker Schlosshalbinsel transportieren lassen, sie bietet eine Veranstaltung zum ersten Mal komplett barrierefrei an. Alle Anwesenden können die Arbeit der Gebärdendolmetscherinnen, der Audiotranskription und am Monitor verfolgen. Ein Aufwand, den das Publikum dankbar und respektvoll honoriert.

Patient Hans-Jürgen (rechts) sucht Dorfärztin Helga auf.

Noch etwas ist neu: in „Hinter den Fenstern“ agieren die Schauspieler erstmals mit Puppen. Ein Experiment, das gut ankommt. Doch worüber erzählt das Stück (Regie: Birga Ipsen) nun konkret?

Die Leinewitzer Dorfärztin Helga ist 73 Jahre alt und möchte nach 40 praktizierten Jahren endlich ihren Ruhestand antreten. Nachfolger/in? Nicht in Sicht. Oder doch? Arztsohn Raul hat die Gegend schon lange hinter sich gelassen. Er ist Unternehmer und sieht die medizinische Zukunft digital. Das will der „CCO von Call a Doc“ den Ü80-Usern in Workshops verklickern. Doch dabei stehen nicht nur sprachliche Barrieren im Weg, die Dorfbewohner verstehen auch nicht so schnell, „wie der Doktor durch den Computer kommt“. Abgesehen davon, dass das Internet im ländlichen Raum alles andere als verlässlich ist.

Um die hauptsächlichen Herausforderungen auf den Punkt zu bringen, braucht das Stück nur fünf Figuren: die Dorfärztin (Nicole Weißbrodt), den Jungunternehmer, den an Demenz erkrankten Hans-Jürgen (beide: David Schellenberg) und seine betagte, aber online-affine, Freundin Elfi sowie die Pflegerin Ilona mit osteuropäischen Wurzeln (beide: Jördis Trauer). Die Handlung wird von Musik von Friedrich Bassarak und von allerlei Gags befördert. Doch sie artet nie in Klamauk aus. Ein Happy End gibt es übrigens nicht – oder doch? Das darf jede/r Zuschauer/in für sich entscheiden.

Autorin Nikola Schmidt freute sich über die positive Resonanz des Publikums.

 

Ob die (Gemeinde-)Schwestern in den Mittelpunkt eines der nächsten “Traumschüff”-Stücke, zum Beispiel „Treue Hände“, rücken, steht noch nicht fest. Denkbar wäre es aber, verrät Autorin Nikola Schmidt.

Dass diese eine Zukunft haben sollen, wünschten sich auch die Gäste der Uraufführung. In ihren Visionen für Zehdenick in 15 bis 20 Jahren sahen sie: verlässliche Ansprechpersonen in der medizinischen Versorgung, viele junge Landärzte, mehr Mobilität im Arztberuf, aufsuchend tätige Schwestern, intakte Infrastruktur, Barrierefreiheit überall und zu guten Lösungen führende Vernetzung.

Fotos: ©Dagmar Möbius

Beifall für die Uraufführung “Hinter den Fenstern”

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