Dieser Film ist über 50 Jahre alt – er wurde 1975 für das Fernsehen der DDR gedreht. Er erzählt in 90 Minuten vom Alltag einer Gemeindeschwester im ländlichen Raum und spielt im fiktiven Dorf Krummbach in der Oberlausitz (Sachsen). Dass die seit über 30 Jahren im Beruf aktive Agnes Feurig gewohnt schnoddrig berlinert, schmälert die Glaubwürdigkeit keineswegs. Tag und Nacht ist sie für die Kranken unterwegs und hat stets ein offenes Ohr für alle Einheimischen.
Rolle mit Substanz
Eine Rolle mit Substanz und mit weniger Klamauk hatte sich die für komische Rollen berühmte Schauspielerin Agnes Kraus (1911-1995) gewünscht und mit “Schwester Agnes“ bekommen. Eine Komödie ist es trotzdem geworden – mit dem Abstand der Jahre vielleicht noch mehr. Doch Probleme schneidet der Film nicht zu knapp an. Alkoholismus, Einsamkeit, Wohnungsnot – alles heute nach wie vor Faktoren, die die Gesundheit beeinträchtigen.
Gemeindeschwester mit Herz und Schnauze
Für ihre Patient*innen wagt die unverheiratete Gemeindeschwester Agnes viel. Regelmäßig überschreitet sie ihre Kompetenzen und legt sich, wenn es sein muss, mit der Regionalpolitik an. Sie diskutiert nicht nur, sie droht auch mit Streik, als sie nicht durchsetzen kann, was ihr wichtig ist und realisierbar erscheint. Die Sympathie der Einheimischen ist auf ihrer Seite. Vier Dörfer betreut sie. Für den Film lernte Agnes Kraus Fahrrad und Moped zu fahren. Gegen Männer hat sie nichts, sie steht nur gern auf eigenen Füßen.
Geschichten aus dem wahren Leben
Drehbuchautor Hermann Rodigast verstand den Stoff als Familiengeschichte. Er hat bei der Recherche genau hingehört und war sicher, dass man Leben und Arbeit einer Gemeindeschwester nicht als Schenkelklopfer erzählen kann. In einem Interview bekannte er, ein lebendes Schwesternvorbild aus dem Berliner Raum vor Augen gehabt zu haben. Eingeflossen sind zudem Erfahrungen von Ärzten und Bürgermeistern. Die pflegefachliche Seite ist ebenfalls interessant. Von Erster Hilfe über Hausbesuche bis Mütterberatung wird deutlich, was Schwestern in der DDR selbstverständlich durften und praktizierten. Kein Wunder, dass die Füße abends manchmal nicht mehr wollten. Authentisch, dass auch eine Gemeindeschwester Schmerzen kennt.
Nostalgiefaktor Haube und Schwalbe
In den 1970-er Jahren war es in der DDR noch üblich, dass Schwestern Haube trugen. An ihrer Tracht ist erkennbar, dass Schwester Agnes im Dienst des Roten Kreuzes stand. Im Film spielt das so gut wie keine Rolle. Das Aufgabenspektrum, Krisensituationen, mit der Schwalbe zu überbrückende Entfernungen und Zeitdruck, aber auch dankbares Patientenklientel veranschaulichen, warum Gemeindeschwestern noch heute vor allem in Ostdeutschland ein Begriff und anerkannt sind. Kein Wunder, dass Pilotprojekte der medizinischen Fürsorge verwandte Namen bekamen. Wenngleich der Weg in die Regelversorgung weit ist.
2011 wurde der Film digitalisiert und ist wieder erhältlich.
Schwester Agnes. DVD. DEFA-Studio für Spielfilme 1975. Studio Hamburg Enterprises 2011 (digital restauriert). FSK ab 6 Jahre. Spieldauer: 90 Minuten. Ab 10,99 € bei Der Ostfilm oder bei amazon.
Veröffentlicht im August 2026
