Keineswegs öde: Plattenbau in Ost und West

Neue Wohnungen sowie viele Ambulatorien und Polikliniken der DDR wurden zwischen den 1960-er und 1980-er Jahren in Großtafelweise gebaut. Eine Sonderausstellung im Dresdner Stadtmuseum informiert über die Vor- und Nachteile der in Ost und West üblichen Bauweise und fragt unter anderem, ob modulares, serielles Bauen angesichts des Wohnungsmangels eine Zukunft hat.

Kindheit und Jugend in der Platte

Eine Wohnung in der „Platte“ zu bekommen, wenn man aus einem maroden Altbau mit Ofenheizung und Klo auf der halben Treppe kam, war für viele Menschen wie ein Lottogewinn. Sprechstundenschwester hat ihre halbe Kindheit in Plattenbauten verbracht und 1984 ihre erste eigene 1-Raum-Wohnung im 15. Stock eines 17-Etagen-Hochhauses bezogen. Üblich war das für eine 19-Jährige damals nicht, auch wenn sie bereits seit ihrem 17. Lebensjahr arbeitete. Ob es stimmt, dass ich die Wohnung angeblich nur bekam, weil mehrere Leute nach Blick aus dem Balkon in luftiger Höhe Höhenangst bekamen, konnte nie verifiziert werden. Nach einer Episode im unsanierten Altbau folgten noch zwei Umzüge in Plattenbauwohnungen.

Warum dann noch eine Ausstellung über die Platte anschauen? Wie das Leben im Plattenbau und in schlammigen, wachsenden Wohnkomplexen funktioniert, war bekannt. Dass jenseits der Grenze auch viele Bauten in Großtafelbauweise entstanden und welche Unterschiede es gab, jedoch kaum präsent.

Von der Idee über das Image zur künftigen Nutzung

Die 900 Quadratmeter große Ausstellung konzentriert sich auf den Wohnungsbau und vergleicht kontinuierlich ost- und westdeutsche Entwicklungen. Sie richtet sich keineswegs nur an Fachpublikum, sondern an Jung und Alt. Auch an Menschen mit Beeinträchtigungen wurde gedacht – es gibt eine Audiospur und Taststationen. Besuchende erfahren, wann und warum der industrielle Wohnungsbau begann, welche Strukturen erforderlich waren und wie sich Plattenbauten bis heute entwickeln. Kunst am Bau ist Thema, genauso wie das Image der Bauten. Bewohnende aus Ost und West berichten in Videos über ihr Lebensgefühl in der Platte. Konkrete Beispiele aus Aschersleben, Berlin, Cottbus, Dortmund, Dresden, Erfurt, Gera, Halle/Saale, Hamburg, Hoyerswerda, Leipzig, Rostock, Saarbrücken, München, Neubrandenburg, Nordhausen, Plauen, Stendal, Stuttgart und Wolfsburg sind zu sehen. Verbunden damit ist stets die Frage, wie Gebäude so gestaltet und/oder saniert werden können, dass künftig gern in ihnen gewohnt wird.

Wohnkomplex versus Shopping-Mall

Ausstellungsimpression. Foto: D. Möbius

Die Sonderausstellung informiert, dass es sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland feste Richtlinien dafür gab, welche und wie viele Kindergärten, Geschäfte, Kapazitäten für die medizinische Versorgung, Dienstleistungseinrichtungen gebraucht werden. Priorität hatten immer Wohnungen und Schulen. Zitat: „Auf Kulturzentren – als gestalterische Höhepunkte – musste in beiden Ländern oft lange gewartet werden.“ Interessantes Detail: 45 Mark standen ab 1983 pro Wohneinheit für Kunst am Bau zur Verfügung. Das entsprach 0,5 Prozent der Baukosten. An die Aufträge waren diverse Auflagen für die ausführenden Künstler*innen gebunden.

Die DDR sprach nach sowjetischem Vorbild von „Wohnkomplexen“ und meinte, „nur in einer sozialistischen Gesellschaft seien alle Bedürfnisse wie Wohnen, Lernen und medizinische Fürsorge etc. erfüllbar.“ Die Bundesrepublik orientierte sich eher an amerikanische Malls und etablierte vielfältige Konsumwaren in den Versorgungszentren.

Auch Dresden-Gorbitz musste eine Weile auf gefahrlos begehbare Wege, eine Kaufhalle, eine durchgängige Straßenbahnlinie, eine Poliklinik, den Club Passage und ein Schwimmbad warten. Heute ist es im Viertel viel grüner als vor 40 Jahren und Sprechstundenschwester kennt Menschen, die sehr gern dort wohnen. Immerhin: Die einstige Poliklinik, auch ein Plattenbau, existiert nach wie vor – als Ärztehaus.

Dresden – Potsdam – Dortmund

Bis 29. November 2026 ist die Sonderausstellung Platte Ost/West. Wohnen und Bauen in Großtafelbauweise im Stadtmuseum Dresden zu sehen. Ein umfangreiches Begleitprogramm mit vielen Angeboten für Familien und Kinder ist der Website zu entnehmen.

Nach Ende der Exposition sollen Teile davon im Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte und im Baukunstarchiv NRW in Dortmund zu sehen sein.

 

Aufmacherfoto: Dagmar Möbius

 

Neubaugebiet Dresden-Gorbitz. Blick vom 17-Geschosser auf den Amalie-Dietrich-Platz mit Wohngebietsgaststätte „Grüner Heinrich“ im Jahr 2020. Ein Jahr später sollte sie abgerissen werden.

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