In Presseberichten über medizinisches Personal zeigt sich ein klares Ost-West-Gefälle. Sprechstundenschwester hat sich die Entwicklung der letzten 30 Jahre angeschaut und ist verwundert bis frustriert. Aber es gibt auch gute Nachrichten.
Wann immer in deutschen Medien über eine Sprechstundenschwester berichtet wird, erfahre ich es durch kontinuierliches Monitoring. Treffer gibt es selten. Zu „Sprechstundenhilfen“ jedoch gefühlt laufend. Grund genug, einmal genauer hinzuschauen.
Über 400.000 Treffer in 30 Jahren für fünf Berufsbegriffe
Über die Rechercheplattform GENIOS habe ich analysiert, wie oft zwischen 1995 und 2025 über die Berufsbezeichnungen Sprechstundenschwester, Sprechstundenhilfe, Arzthelferin, Medizinische Fachangestellte und Krankenschwester berichtet wurde. Berücksichtigt werden konnten nur die dort aufgeführten Medien. Mehrfachnennungen waren möglich und wurden nicht herausgefiltert. Ob die Berufsnennungen zutreffend und sachgerecht erfolgten, konnte nicht geprüft werden. Berichtsanlässe waren sehr verschieden und wurden nur stichpunktartig untersucht: Jubiläen, Eintritte in den Ruhestand, aber auch Stellenanzeigen, Praxisgründungen, Berichte über Fernsehsendungen, Leserbriefe, politische Ämter oder Porträts, die über Hobbys berichteten, und anderes.

5 Berufsbegriffe von 1995 bis 2025, nach Quelle: Genios, eigene Darstellung.
Weiterhin exotisch: die Sprechstundenschwester
Erwartungsgemäß erreichte die Sprechstundenschwester, die in der DDR zuletzt bis 1990 ausgebildet wurde, mit 286 Treffern in 30 Jahren die wenigsten Ergebnisse. Allesamt in Medien, die in Ostdeutschland beheimatet sind. Die häufigste Nennung erfolgte mit 20 Ergebnissen im Jahr 2012. Am seltensten, mit jeweils einer Nennung erschien der Begriff 1996, 1997 und 2022. Im zurückliegenden Jahr 2025 brachte er es immerhin auf sechs Nennungen.
Medial unsterblich: die Sprechstundenhilfe
Ganz anders die Sprechstundenhilfe. Sie bringt es über drei Jahrzehnte auf insgesamt 13.563 Nennungen. 1995 stehen 66 Treffer am Ende des Rankings. Alle weiteren Jahre liegen im dreistelligen Bereich. 2018, also zu einem Zeitpunkt, an dem nach Berufsrecht keine einzige Sprechstundenhilfe mehr tätig sein dürfte, wird der Begriff 657 Mal in Presseberichten verwendet. Jedoch keineswegs nur in Westdeutschland, sondern auch in Mitteldeutschland, Sachsen und Thüringen. Spitzenreiter ist mit Abstand die in Oldenburg erscheinende Nordwest-Zeitung mit 2.283 Nennungen.
Vorwiegend westlich verortet: die Arzthelferin
Dass die Arzthelferin ein westdeutsch geprägter Berufsbegriff ist, zumindest nach der herkömmlichen Vorstellung des Frauenberufes, hat sich herumgesprochen. Im Jahr 2006 wurde er bundesweit durch den neuen Begriff Medizinische Fachangestellte ersetzt und fortan auch ausgebildet. 59.505 Mal taucht die Arzthelferin zwischen 1995 und 2025 in den erfassten deutschen Presseberichten auf. Mit 455 Mal im Jahr 1995 am wenigsten, mit 3.255 im Jahr 2003 am häufigsten. Bis auf die Mitteldeutsche Zeitung (98 Mal) und die Thüringer Allgemeine (758 Mal) verwendet kein ostdeutsches Medium den Begriff. Die Nordwest-Zeitung führt mit 12.233 Nennungen auch hier das Ranking an.
Presse-Aufsteiger: die Medizinische Fachangestellte
Medizinische Fachangestellte tauchen in der Analyse erstmals 1998 auf. Von zunächst zwei Nennungen arbeiten sie sich stetig nach oben und erreichen 2025 mit 3.731 die höchste Trefferzahl. Die Gründe dafür wurden nicht näher untersucht. Es fiel jedoch auf, dass gern über eine als Medizinische Fachangestellte arbeitende Kandidatin bei „Bauer sucht Frau“ berichtet wurde. Zwischen West- und Ostdeutschland gibt es kaum Unterschiede bezüglich zahlenmäßiger Häufung, wohl aber weiße Flecken auf der Berichtslandkarte. Die Nordwest-Zeitung scheint eine Affinität zu Gesundheitsfachberufen zu haben, denn Medizinische Fachangestellte wurden innerhalb des Zeitraums mit 2.120 Nennungen überproportional oft erwähnt.

Krankenschwester medial überpräsent. Eigene Darstellung.
Medial überpräsent: die Krankenschwester
Die Krankenschwester wird von allen Medien, die über sie berichten, vier- bis fünfstellig erwähnt. Mit 14.996 Nennungen im Jahr 1995 am zweithäufigsten, gefolgt von einem unerklärlichen Absturz auf 2.210 im Folgejahr. In den Folgejahren nahmen die Nennungen von Jahr zu Jahr wieder zu und erreichten im Jahr 2025 ihre bislang häufigste Nennung mit 18.042 Treffern. Das ist mehr als verwunderlich, denn seit der Einführung der generalistischen Pflegeausbildung im Jahr 2020 werden Krankenschwestern und -pfleger nicht mehr ausgebildet, sondern Pflegefachkräfte. Gleichwohl sind noch zahlreiche Personen mit diesem Abschluss im aktiven Berufsleben.
Mehr als Zahlenspiele

5 Berufsbegriffe, nach Zahlen gesamt. Quelle: Genios, eigene Darstellung.
Diese Analyse ist nicht repräsentativ, aber sie sagt einiges über nicht erzählte Geschichten und augenscheinlich schludrige Berichte. Für die schreibende Zunft möglicherweise zweitrangig, ist die exakte Berufsbezeichnung für viele Gesundheitsberufe ein Zeichen von Wertschätzung.
Die zunehmende Berichterstattung über Medizinische Fachangestellte und Krankenschwestern in der Tagespresse ist als gute Nachricht zu werten, auch wenn die Begrifflichkeiten möglicherweise nicht immer treffend benutzt wurden.
Dass die schon lange begrabene Sprechstundenhilfe inflationär in den Medien (und ja, leider auch sehr oft in Filmen und Büchern) auftaucht, ist möglicherweise eine Frage der Sozialisierung, aber nicht hinzunehmen. Mag sie nach dem Zweiten Weltkrieg und bis in die 1970-er Jahre in Ost und West Alltag gewesen sein, ist sie schon lange tot. Und sollte es auch bleiben.

Aufmacherfoto: Tumisu/pixabay
