Für die einen ist es alter Plunder, für die anderen ihr Leben. Nicht nur im DDR-Museum in Berlin-Mitte kann man in die ostdeutsche Vergangenheit eintauchen, seit März 2025 auch an einzelnen Tagen ins Depot des privat geführten Museums.

Depot des DDR-Museums in Berlin-Marzahn
An einem eiskalten Wintertag stehen drei Menschen Ü60 im Schneegestöber vor der Depot-Tür in einem Gewerbegebiet in Berlin-Marzahn und warten, dass es losgeht. Die Zeit-Tickets wurden online gebucht. „Schön hinten anstellen, das haben wir so gelernt“, scherzt eine Frau, als ich den Treffpunkt erreiche. Pünktlich beginnt Enrico Wedekind mit seiner Führung.

Fahrzeughalle
Arbeitsvorrat auf Jahre
Zuerst geht es in die Fahrzeughalle. Ein holländischer Tourist stößt zur Gruppe und staunt. Dutzende Simons, MZ, ehemalige Polizei-Eskorte-Motorräder und Trabis sind zu bewundern. Fast alle im gebrauchsfähigen Zustand. Besucher dürfen fotografieren, für den privaten Gebrauch.
An der Treppe stehen frisch eingegangene Exponate: Wimpel, eine Trabant-Hecktür mit Originalpreisschild und ein Messgerät der früheren Grenzübergangsstelle Helmstedt. „Das Obergeschoss kann ich Ihnen aktuell nicht zeigen“, bedauert der aus Niedersachsen stammende Historiker. Zu viel Chaos infolge noch unsortierter Spenden. Enrico Wedekind und seine drei im Depot tätigen Kolleg*innen haben mit der Beschreibung, Erforschung, Katalogisierung und Archivierung von gespendeten DDR-Gegenständen Arbeit auf Jahre. In den zweimal wöchentlich stattfindenden Führungen erfahren sie gelegentlich von Besuchenden ihnen vorher unbekannte Details.
Flatterband limitiert Zutritt

DDR-Zahnarzt-Behandlungseinheit
Im Hauptdepot sieht es aus wie in einem Großhandelslager. Bis zur Decke ragende nummerierte Regale, Gabelstapler, unzählige Umzugskisten und Utensilien. Durch die Gänge schlendern ist für Besuchende nicht erlaubt. Der Historiker greift mit Handschuhen einzelne Exponate heraus, erklärt deren Herkunft und die Bedeutung für das DDR-Museum. Die Behandlungseinheit einer einstigen Zahnarztpraxis samt Gebissteilen und Instrumenten stammt aus dem brandenburgischen Brieselang. „Nur die Lampe nicht, die wurde in Ungarn hergestellt.“ Gegenüber steht ein Karteikartenpaternoster des Ministeriums für Staatssicherheit, ohne Karteikarten. Die lagern aus archivrechtlichen Gründen im Bundesarchiv.
Jennifer Rush trifft Multiboy

diverse Depot-Objekte hinter Flatterband
Die Depotordnung erschließt sich den Gästen nicht unbedingt. Doch das muss sie auch nicht. Zu fasziniert sind sie von Uniformen und Bekleidung aus der NVA wie dem Mantel des Armeegenerals Heinz Hoffmann und einem ABC-Anzug, Fahnen, Bannern, Transparenten diverser Massenorganisationen, Orden, auch von Brigadetagebüchern. Außer DDR-Kopfhörern im Originalkarton, unverarbeiteten Folien von Milchtüten (ja, die dreieckigen kosteten in der Schule 21 Pfennig), Hühnereierbechern, einer Verpackung eines Dresdner Christstollens finden sich Amiga-Langspielplatten, darunter eine von Jennifer Rush. Die Sängerin sagt dem jungen Historiker nichts, aber den Hit „The Power of Love“ hat auch er mit Sicherheit schon gehört. Fit-Flaschen, ein rotes Wähltelefon, eine Kaffeemaschine und ein Multiboy – natürlich orange – und unzählige andere Gegenstände vervollständigen das Sammelsurium dieser Abteilung. Im Gang lehnen Eingangstüren des abgerissenen Palastes der Republik. Ein hölzerner Riesenzirkel, der während der Bodenreform zur Landvermessung genutzt wurde, wird am anderen Hallenende professionell für die Objektdatenbank fotografiert.

Blick vom Obergeschoss auf die bis unter die Decke gefüllten Depotregale
Karl Marx ist rar
Im Papierarchiv werden Bilder, Bücher, Plakate und Urkunden, aufbewahrt. Auch Büsten. Von Erich Honecker, Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck gibt es viele, von Karl Marx und Friedrich Engels (zu) wenige. Warum das so ist, bleibt offen. Fahrzeuganmeldungen aus der DDR sind überliefert, auch ein Handbuch für Grenzsoldaten und andere Literatur der Nationalen Volksarmee. Ein Großfoto des ersten Deutschen im Weltall, Siegmund Jähn, ist vorhanden und man wünscht sich an dieser Stelle einen Pflichtbesuch westsozialisierter Spitzenpolitiker*innen, denn erst jüngst nannte die amtierende Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt nicht den ostdeutschen Kosmonauten, sondern den Westdeutschen Ulf Merbold als ersten Deutschen im All. Fun fact, dass er in Thüringen geboren wurde. „Wir wissen auch nicht alles“, bekennt der junge Historiker. „Wir freuen uns immer über ergänzende Informationen von Zeitzeugen.“
Austoben im „Klub der Funktionäre“

Im „Klub der Funktionäre“
Im Obergeschoss des Depots befindet sich ein riesiges Wohnzimmer, genannt „Klub der Funktionäre“. Die typische Schrankwand, Polstermöbel, auf denen einst hochrangige Regierungsmitglieder aus dem In- und Ausland saßen. Hinter den Schranktüren, die Gäste hier öffnen dürfen, sind Gebiete wie Urlaub, Garten oder Arbeit thematisiert und dazu passende Gegenstände platziert. Die blaue DDR-Gesamtausgabe von Karl Marx ist erhalten, ein 19.000 DDR-Mark teurer und trotzdem für den Normalbürger nicht erhältlicher Personal-Computer, Pokale von Fußballspielen des Kombinates robotron oder unkaputtbare Gläser und ein Hirschgeweih an der Wand. „Hier können wir uns austoben“, lacht Enrico Wedekind, und meint: „Dinge, die im Museum keinen Platz haben, werden hier ausgestellt.“ Sollten im DDR-Museum in Berlin-Mitte zum Beispiel Griffe von Schränken kaputtgehen, dienen Original-Möbel als Ersatzteilspender.
Was der Sammlung noch fehlt
Mit jedem vergehenden Jahr wird es schwieriger, Originale aus der DDR zu erhalten. „Manchen Leuten konnte es nach der Wende nicht schnell genug gehen, sich davon zu trennen“, weiß der Historiker. „Viele Menschen heben Erinnerungen aber auf, weil ihnen klar ist, dass sie wertvoll sind.“ Nicht immer materiell, emotional auf jeden Fall.

Eingang zum „Klub der Funktionäre“
Auch das DDR-Museum freut sich weiterhin über Objektspenden. Was aktuell gesucht wird, steht auf der Website. Für den Bereich der Gesundheit beispielsweise das Desinfektionsmittel Wofasept, aber auch Schilder öffentlicher Einrichtungen und Betriebe oder Raumausstattungen aus öffentlichen Räumen wie es Ambulatorien und Polikliniken waren.
Fotos: Dagmar Möbius mit freundlicher Genehmigung des DDR-Museums
