Ortstermin: Poliklinik im Museum

Anlässlich des 50-jährigen Bestehens der örtlichen Poliklinik initiierte das Heimatmuseum Geithain (Landkreis Leipzig) eine Sonderausstellung. Warum und wie würdigt eine 7.000-Einwohner-Stadt das Jubiläum und wie reagieren die Einheimischen darauf? Ortstermin für Sprechstundenschwester.

Das städtische Heimatmuseum Geithain.

 

Exemplarische Transformation

Blick in den 16 Quadratmeter kleinen Ausstellungsraum. Die Schwestern- und OP-Kittel wurden nach historischem Vorbild nachgeschneidert.

Sich medizinisch gut versorgt zu fühlen, ist ein menschliches Grundbedürfnis. Als nach der Deutschen Einheit eine Poliklinik nach der anderen abgewickelt wurde, bedeutete das nicht nur einen Arbeitsplatzverlust für das gesamte angestellte Personal, sondern es gefährdete besonders im ländlichen Gebiet die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Die Geithainer scheinen eine besondere Beziehung zu diesem Thema zu haben. Die Geschichte der ambulanten medizinischen Betreuung im Ort beginnt jedoch weit vor 1970. Über Jahrzehnte wurden Patient*innen in Baracken bzw. an Einzelstandorten behandelt. Kein Wunder, dass die Presse die Gründung der Kreispoliklinik als „neues Wahrzeichen siegreichen sozialistischen Aufbaus“ feierte. An ihrem Beispiel lässt sich exemplarisch nachvollziehen, wie sich das ostdeutsche Gesundheitswesen nach 1990 veränderte.

Zeugnisse aus mehr als 5 Jahrzehnten.

Leihgaben von Geithainern

Wie drapiert man ein halbes Jahrhundert Geschichte auf 16 Quadratmetern? Carmen Schmidt leitet das Heimatmuseum Geithain seit 13 Jahren. Dass sie vieles anders angeht als Museumswissenschaftler*innen, liegt an ihrer Biografie. Die gelernte Uhrmacherin war neben ihrem Beruf jahrelang als Dorfbürgermeisterin tätig und leitete nach einer Gemeindereform einen Seniorenklub. Im Sommer 2020 rief sie die Einheimischen auf, der Sonderausstellung Erinnerungsstücke an die frühere Kreispoliklinik leihweise zur Verfügung zu stellen. „Die Resonanz war erfreulich, doch bis kurz vor der Vernissage hatten wir vom Labor noch gar nichts“, erzählt die Netzwerkerin und wusste sich zu helfen: „Ich kenne viele Leute und habe einfach gefragt.“ Ulrich Ibrügger, im Vorstand des Heimatvereins und stundenweise im Museum tätig, steuerte einiges Archivmaterial bei. Ehemalige Poliklinik-Beschäftigte ebenso.

„Das wird nichts mehr“ – doch!

Seit Anfang September und noch bis 21. Oktober 2020 kann die Exposition besichtigt werden. Medizinische Instrumente aller Fachrichtungen vom HNO-Spiegel über den Notfallkoffer bis zu Rektoskop und Zahnarztinventar, Schülerzeichnungen und Bauunterlagen, zahlreiche Fotos, Behördenkorrespondenz, Praxisschilder, aber auch eine Poliklinik-Chronik (leider unter Glas) sowie Zeitungsartikel erinnern an fünf Jahrzehnte des nach der Wende totgesagten Gesundheitszentrums. „Das wird nichts mehr, sagten die Wessis damals“, erinnert sich Carmen Schmidt. „Wir sind immer noch da und voll belegt“, freut sie sich darüber, dass diese Vorhersage nicht eintraf. Mit „wir“ ist das heute als GbR geführte Ärztehaus gemeint. Fast alle Fachrichtungen sind hier wie früher auf drei Etagen unter einem Dach auf rund 4.000 Quadratmetern Grundstücksfläche vertreten.

In der Sprechstunde (Repro).

Gelebte Gemeinschaft

Die kleine Schau in Geithain schafft es voraussichtlich nicht in Tourismusführer. Das war auch nicht der Plan. Subbotniks, Sportfeste zu DDR-Zeiten und ein gemeinschaftlich geschmückter Poliklinik-Umzugswagen anlässlich der 825-Jahr-Feier Geithain im Jahr 2011 zeigen noch eine andere Seite als die rein berufliche und dokumentarische. Ehemaliges und heutiges Personal kennt sich in der Kleinstadt. Zur Vernissage begrüßte das Museumsteam 25 Personen auf der Freiluftterrasse, die meisten waren früher in der am 30. Juni 1991 geschlossenen Kreispoliklinik beschäftigt. „Unser betagtester Gast war eine 92 Jahre alte Dame, die das erste Mal seit Corona wieder unter Menschen weilte“, erzählte Carmen Schmidt. Gemeinschaft zu leben und Erinnerungen wertzuschätzen dürfte ein Verdienst dieser regionalen Sonderausstellung sein. Wer weiß beispielsweise heute noch, dass es vor 35 Jahren ganz normal war, Tupfer selbst zu drehen, geschweige denn, wie das funktionierte? Dass Blut mit Glasspritzen und Kanülen abgenommen wurde, die täglich gereinigt und sterilisiert werden mussten? Der frühere praktische Mehraufwand medizinischer Tätigkeit ist in Zeiten von Einwegmaterial (sofern ausreichend vorhanden) kaum noch vorstellbar.

Ärztehaus Geithain 2020.

Neuanfang mit Konflikten

Von Nostalgie kann deshalb in Geithain keine Rede sein. Die Privatisierung der Praxen in der Robert-Koch-Straße dauerte bis 1994. Die Ausstellung verschweigt auch das damit verbundene Konfliktpotenzial nicht. Viele bauliche und organisatorische Änderungen mussten bis zur Neustrukturierung als Ärztehaus bewältigt werden. Ein hoher bürokratischer Aufwand und nicht immer nachvollziehbare gesetzliche Vorgaben für freiberuflich tätige Mediziner*innen gehören heute zum Tagesgeschäft. Das bedauert Dr. Thomas Arnold, niedergelassener Hautarzt und einer der „Retter des Hauses“. Ansonsten ist er überzeugt, dass der in den 1990-er Jahren eingeschlagene Weg richtig war.

Hautarzt Dr. med. Thomas Arnold übernahm mit einer Kollegin die frühere Poliklinik. Die Märchenmotive, die Rolf Münzner 1970 für das Haus malte, hängen in seiner Praxis.

 

 

Wie viele examinierte Sprechstundenschwestern ehemals in Geithain tätig waren, muss auch er erkunden. Aber er hat einen Tipp, wer dazu mehr sagen kann … (Fortsetzung folgt).

 

 

 

 

Fotos: Dagmar Möbius

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