Brofaromin OST – ein Nachbericht

Die Rezension dieser Theater-Performance hätte schon vor knapp drei Wochen erscheinen müssen. Doch die Eindrücke der Aufführung des Theaterkollektivs Panzerkreuzer Rotkäppchen mussten nachwirken. Brofaromin OST konnte an drei Juni-Abenden 2022 im ehemaligen Offiziersspeisehaus und Konferenzsaal des Ministeriums der Staatssicherheit der DDR besucht werden. Das intern „Feldherrnhügel“ genannte, 1960 gebaute Haus 22 des Komplexes in Berlin-Lichtenberg fungiert heute als Besucherzentrum der „Stasi-Zentrale. Campus für Demokratie“.

Erinnerung an Medikamenten-Studien internationaler Pharma-Konzerne in der DDR

Die Zuschauenden der theatralen Installation zu den Medikamenten-Studien internationaler Konzerne in der DDR: überwiegend jung und mittelalt. Annehmbar auch eine Handvoll ältere Betroffene. Der Theaterabend beginnt vor dem Haus. Schräg. Laut. Sehr laut. Einträge aus Akten von Psychiatrie-Patient*innen werden verlesen. Für Menschen ohne berufliche oder persönliche Berührungspunkte zur Psychiatrie löst das Unbehagen aus. Auch in irgendeiner Form Eingeweihte werden aufgewühlt. Das einführende punkig-grölige Lied der Band Taktikka (u.a. Anna Stiede) lässt ahnen: Diese Theateraufführung wird alles andere als normal.

Nix mit Vorhang auf

Einen Vorhang gibt es nicht. Das Stück hat begonnen, bevor die Gäste das Haus betreten haben. Noch an weiteren fünf Orten im Haus sind Szenen angesiedelt. Im Treppenhaus, im Foyer, im großen Saal mit asynchron aufgebauten Stuhlreihen und Separees, auf der Bühne.  Die Band spielt „Wie ein Stern“ von Frank Schöbel in adaptierter Version. Live. Von einer Riesenvideowand referieren Wissenschaftler. Wohin zuerst schauen? Worauf sich konzentrieren? Was zuerst hören? Setzen? Flanieren? Stehenbleiben? Was ist real? Was Fiktion? Die Verunsicherung ist kalkuliert.

„Immaterieller Export“

Obwohl in den letzten Jahren einige Publikationen zur Thematik der medizinischen Testreihen veröffentlicht wurden, sind diese im kulturellen Gedächtnis des wiedervereinigten Deutschlands kaum präsent. Am Beispiel des in DDR-Kliniken getesteten Antidepressivums Brofaromin (Ciba Geigy), erinnert das 2009 gegründete freie Berliner Theaterkollektiv Panzerkreuzer Rotkäppchen (PKRK) an Hunderte klinische Tests anderer Medikamente und Medizinprodukte zwischen 1964 und 1990, die oft ohne Aufklärung der Patientinnen und Patienten durchgeführt wurden. Organisiert wurde dieser „immaterielle Export“ (Schalck-Golodkowski) von der Abteilung für „Kommerzielle Koordinierung“ (KoKo) und mit Hilfe der Staatssicherheit.

Sechs Monate Recherche, fünf Wochen Probe

Wie funktioniert das Outsourcing von "Depression" in ein Land, in dem offiziell der "fröhliche Sozialismus" herrscht? Was sind bis heute die emotionalen Nebenwirkungen und Placeboeffekte der Antidepressiva-Testreihen mit Brofaromin? (PKRK)

Wie soll man ein so komplexes Thema mit nach wie vor vielen Unbekannten in einen verdaulichen Theaterabend eintakten? Die Dramaturgen und Texter Richard Pfützenreuter und Simon Strick haben ein halbes Jahr intensiv recherchiert und geschrieben. Fünf Wochen wurde unter der Regie von Susann Neuenfeldt geprobt. Weil der Einstieg für Menschen, die erstmals vom Sachverhalt hören, schwierig ist, bekommen Zuschauende eine „Gebrauchsinformation“, ein alternatives Programmheft, in die Hand. Auch dieses kann die Fülle des gesichteten Materials nicht fassen. Mit einem QR-Code können sich Interessierte nach der Aufführung durch zahlreiche Recherchedokumente lesen.

Pharmariese (Dana Bong): „Seit dem Arzneimittelgesetz 1978 müssen wir Patienten über ihre Rechte und Risiken aufklären. Wir sind natürlich an Schnelligkeit interessiert. Ein anderer Konzern hat ja ebenso Produkte in der Pipeline, da müssen wir versuchen, den Prozess zu beschleunigen. Die Menschen profitieren davon. Und die im Osten auch. Die BRD-Bevölkerung ist zunehmend alt, multimorbid und übermedikamentiert. Das ist eine traumatisierte Generation, die ihr Heil in der Gesundheitsindustrie und den Sozialsystemen gesucht hat. Und was weiß ich noch wo. In der DDR sind Patienten, die weniger Arzneimittel zu sich nehmen und im Durchschnitt jünger und gesünder sind. Der Sozialist ist im Schnitt gesünder und weniger mit Wirkstoffen vollgestopft.“ (Auszug Textmaterial, Simon Strick, „Brofaromin OST“)

 

Real-fiktiv oder fiktiv-real: Outsourcing Depression

Aber zurück zum Geschehen. Nach einigen Minuten der gewollten Desorientierung sortiert sich das Publikum. Eine Akteurin verliest Erinnerungen einer psychiatrisch erkrankten Schauspielerin mit sächsischem Akzent. Im Erdgeschoss wird gesungen, im Treppenhaus performt. Im Foyer ziehen Tänzerinnen als in den Betten Turnende oder apathisch liegende Depressive Blicke auf sich. Im Saal spielt die Live-Band. Die einen greifen sich bei Schalck-Golodkowskis (Luise Grell) Erklärungen in Endlosschleife an den Kopf, andere versuchen sich zu erinnern, wann und wo die Konferenz „Outsourcing Depression“ mit einer sehr authentischen Konferenz-Organisatorin (Dorothea Löbbermann) stattgefunden haben soll. Mareike Hein brilliert in Paraderollen mehrerer Wissenschaftler*innen. Bei aller Ernsthaftigkeit vermögen die imaginären Vorträge angesichts typischer Eigenarten Heiterkeit auszulösen. Einen respekteinflößenden Knochenjob liefert das Krankenhauspersonal ab (Maike Möller-Engemann).

Von allen Seiten Geräusche

Diese theatrale Installation ist nichts für schwache Nerven. Es gibt nicht einen Fokus. Es gibt mindestens sechs Schauplätze, die sich akustisch teilweise überlappen. Das erfordert enorme Konzentration – von Darstellenden und Publikum. Aber nur so lässt es sich in unnormale und menschenunwürdige Zustände hineinspüren. Bedrückend auch der Abgang. Wie das Stück genau aufgelöst wird, wird hier nicht verraten. Denn obwohl vorerst keine weiteren Aufführungen geplant sind, ist das Ensemble bereit, Brofaromin OST auch an anderen geeigneten Orten aufzuführen. Sie müssen authentisch sein und die für das Stück erforderlichen Räumlichkeiten garantieren. Sprechstundenschwester fallen dazu mehrere DDR-Kliniken ein. Dies könnte den sinnvollen Nebeneffekt haben, dass sich ehemals Involvierte heute mit den Folgen für einst Betroffene auseinandersetzen könnten. Auch (Sprechstunden-?)Schwestern waren an Pharma-Tests direkt und indirekt beteiligt. Das ist belegt.

Das düstere Kapitel der klinischen Medikamentenprüfungen in der DDR so eindrucksvoll auf eine Bühne zu bringen, ist große Kunst. Respekt dem gesamten Ensemble!

Fotos: Dagmar Möbius

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