Dämliche Hilfen und andere No Go’s – eine Analyse

Bereits im April 2019 erschien hier der Beitrag „Eine aussterbende Spezies“. Damals eher eine der gefühlten Realität angepasste Überschrift, richtete sich der Text auf den Begriff der examinierten „Sprechstundenschwester“, die bekanntlich seit Ende der 1980-er Jahre (in der früheren DDR) nicht mehr ausgebildet wird.

Im täglichen Sprachgebrauch ist die „Sprechstundenhilfe“ nach wie vor allgegenwärtig, obwohl das bundesdeutsche Berufsäquivalent seit Mitte der 1960-er Jahre in der Bundesrepublik „Arzthelferin“ hieß und seit 2006 als „Medizinische Fachangestellte“ im Berufskatalog zu finden ist.

Tatsächlich: Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, ein Wortinformationssystem auf wissenschaftlicher Basis, das den deutschen Wortschatz seit 1600 bis heute untersucht und lexikalisch aufbereitet, kennt die „Sprechstundenschwester“ nicht. Sie ist „nicht in unseren gegenwartssprachlichen lexikalischen Quellen vorhanden“.

Ganz anders die „Sprechstundenhilfe“.

Sie wird definiert als „Angestellte (seltener Angestellter) in einer Arztpraxis oder einer anderen medizinischen Einrichtung, deren (bzw. dessen) Aufgabenbereich vor allem einfache medizinische Tätigkeiten, bestimmte Verwaltungsaufgaben und die Organisation des Praxisablaufs umfasst.“

Über „einfache medizinische Tätigkeiten“ ließe sich diskutieren, aber interessant ist die Wortverlaufskurve: in den 1960-er Jahren erreichte die Gebräuchlichkeit einen Spitzenwert, danach flaute sie immer weiter ab und wird heute als „selten“ eingeschätzt.

Ist das so? Wer die sozialen Medien und Presseberichte verfolgt, bekommt einen anderen (subjektiven?) Eindruck.

Zwischen Juni und Oktober 2019 habe ich eine kleine, nicht repräsentative, Feldstudie betrieben.  Mittels Social-Media-Monitoring sollte quantitativ gemessen werden, wie häufig die Begriffe „Sprechstundenschwester“ und „Sprechstundenhilfe“ im virtuellen Sprachbereich vorkommen. Verwendet wurden Google Alerts und Talkwalker Alerts.

Vorweg: Die „Sprechstundenschwester“ ist in diesem Zeitraum mit den hier verwendeten Instrumenten medial nicht präsent. Lediglich die Beiträge dieser Website, also eigene, spiegeln sich im Monitoring wider.

Ganz anders die „Sprechstundenhilfe“: Insgesamt 84 Treffer werden gemeldet. Am häufigsten wurde der Begriff in den letzten fünf Monaten bei twitter verwendet – 44 Mal. Es folgen Blogs mit 23 Treffern und Diskussionen inklusive Foren mit 17 Treffern. Dopplungen wurden bereits herausgerechnet.

Inhaltlich sagen die Posts viel über die mangelnde Wertschätzung des Berufs aus. Und das nicht nur bei Laien. Redakteure und Influencer verwenden ihn unreflektiert. Im Forum zur Fernsehserie „Lindenstraße“ wird so aufgeklärt:

„Lisa ist nicht Sprechstundenhilfe. Lisa ist Arzthelferin. Sie hilft nicht der Sprechstunde, sie hilft dem Arzt.“ Ob Lisa eine gelernte Kraft mit Berufsabschluss ist, werden „Lindenstraße“-Insider hoffentlich wissen.

Mehrere Arztpraxen suchen im Jahr 2019 in Stellenanzeigen nach Sprechstundenhilfen. Was läuft in den Ärztekammern, die seit 2006 das Berufsbild „Medizinische Fachangestellte“ ausbilden, verkehrt?

Weiteres Negativbeispiel, auch wenn der Zusammenhang des Tweets unklar bleibt: „Aber für eine Stelle als Sprechstundenhilfe könnte es eventuell reichen.“

Als „dämlich“ (laut Duden „begriffsstutzig, dumm, beschränkt“ usw.) werden Sprechstundenhilfen in den erfassten Treffern insgesamt 11 Mal tituliert.

Mehr als einmal sind rassistische Motive mit dem Begriff „Sprechstundenhilfe“ verbunden. Der Beruf als Notnagel für Zugewanderte? Das ist mehr als fragwürdig, absolut realitätsfern und wird hier absichtlich nicht mit Beispielen unterlegt.

Ein wiederkehrendes Problem sind Wartezeiten: 16 Mal werden diese thematisiert. Termine zusätzliche 18 Mal.

Wohlwollende Witze kommen relativ selten vor: viermal unter 84 Treffern. Ein Beispiel zum Schmunzeln hier:

Bei den Fachrichtungen der erwähnten Praxen haben die Frauenärzt*innen ganz klar die Nase vorn, gefolgt von Zahnärzt*innen, Hausärzt*innen und Kinderärzt*innen.

Eine einzige Blogbetreiberin korrigierte die ursprünglich erwähnte „Sprechstundenhilfe“ in „MFA“. Und eine Buchrezensentin weist auf ihrem Blog darauf hin, dass das von ihr besprochene Werk über 50 Jahre alt ist.

Neben vielen virtuell auffindbaren Belanglosigkeiten fand sich auch der informative Text eines Historikers über eine sozialistische Heldin, die am Anfang ihres Berufslebens als Sprechstundenhilfe tätig war, sich später mit einer innovativen Methode im Handel verdient gemacht hat und heute vergessen ist.

Die einzige resolute Antwort auf den inflationären Gebrauch des Wortes „Sprechstundenhilfe“ kam von „Sesamkrümel“ via twitter:

„Bitte sag nicht Sprechstundenhilfe. Wir sind medizinische fachangestellte… Oder Arzthelferinnen. Aber keine Sprechstundenhilfen. Gute Besserung“

In diesem Sinn: Es ist noch viel zu tun!

Screenshots: Dagmar Möbius

Wartezimmer_Impression aus der Ausstellung “Die Welt der DDR” in Dresden Foto: Dagmar Möbius

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